Schachfigur
Standpunkt

Jeder Kirchenaustritt ist eine klaffende Wunde im Leib Christi

Pater Max Cappabianca beschäftigt der Kirchenaustritt der Leiterin der Potsdamer Studierendengemeinde. Dieser Schritt offenbare den großen Reformdruck, schreibt er – und stelle eine Anfrage an die kirchliche Gemeinschaft dar.

Von Pater Max Cappabianca |  Bonn - 03.05.2021

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Jüngst ist die Leiterin der Katholischen Studierendengemeinde in Potsdam, Pastoralreferentin Eva Wawrzyniak, aus der Kirche ausgetreten. Ein Schock nicht nur für die Gemeinde, sondern für Kolleginnen und Kollegen in der Hochschulpastoral über das Erzbistum Berlin hinaus. In einem inzwischen aus dem Netz genommenen Text begründet sie ihren Schritt unter anderem mit dem inneren Widerspruch zwischen dem Handeln der Kirche und der Botschaft des Evangeliums, zum Beispiel im Umgang mit Frauen.

Zwar spielen auch individuelle Faktoren eine Rolle, und bei einem solchen Schritt verbietet sich jegliches Urteil "von außen" – es handelt sich schließlich um eine Gewissensfrage. Anlass einer eigenen Gewissenserforschung, warum man selbst noch in der Kirche bleibt und was die Kirche tun kann, um solches in Zukunft zu verhindern, sollte diese höchstmögliche Form der Distanzierung aber durchaus sein.

Erstens offenbart dieser Schritt, wie groß der Reformdruck geworden ist. Es müssen dringend Wege gefunden werden, Lehre und Struktur der Kirche so zu re-formieren (= zur ursprünglichen Form zurückführen), dass sie nicht mehr zum Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums werden. Selbstverständlich kann hier nichts über das Knie gebrochen werden. Aber die Geschichte lehrt, dass manchmal disruptive Ereignisse notwendig sind, um die gesunde Tradition neu zum Leuchten zu bringen.

Zweitens stellt jeder Kirchenaustritt aber auch eine Anfrage an die kirchliche Gemeinschaft als ganze dar. Ein Kirchenaustritt ist zwar meist Ausdruck einer Entfremdung; und viele Ausgetretene empfinden ihren Schritt als Entlastung und sogar Befreiung. Aus einer spirituellen, kirchlichen Sicht ist ein Kirchenaustritt aber nicht einfach der Austritt aus einem Verein. Denn wenn Menschen durch die Taufe Teil Seiner Kirche werden – und wir Katholiken denken die sichtbare Kirche und die Kirche Jesu Christi ganz eng zusammen ohne sie einfach nur gleichzusetzen – dann ist jeder Kirchenaustritt eine klaffende Wunde im Leib Christi, die nicht gleichgültig lassen darf. Dabei ist einerlei, ob jemand in einer prominenten Position wie der Seelsorgerin der KSG Potsdam austritt oder Lieschen Müller, die keiner in ihrer Ortsgemeinde persönlich kennt.

Die derzeitige Welle der Kirchenaustritte darf uns nicht gleichgültig lassen, nicht weil wir uns um den Machtverlust der Kirche sorgen würden, sondern aus spirituellen Gründen: Denn jede und jeder Getaufte, der der Kirche den Rücken kehrt, schwächt die ganze kirchliche Gemeinschaft. Nur wenn wir in der gegenwärtigen Debatte um Reformen in der Kirche auch diese Dringlichkeit nicht aus den Augen verlieren, gewinnen wir als ganze Kirche – Hirten wie Herde – den Mut, in wichtigen Reformanliegen endlich über unsern Schatten zu springen.

Von Pater Max Cappabianca

Der Autor

Der Dominikaner Max Cappabianca ist Leiter der Katholischen Studierendengemeinde Hl. Edith Stein in Berlin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.