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Standpunkt

Kirchliche Debattenkultur: Schüttet die Gräben endlich zu!

Die Kontroverse zwischen Johanna Rahner und Stefan Oster war in ihrer Schärfe erschreckend und hat ein schlechtes Licht auf die Kirche geworfen, kritisiert Steffen Zimmermann. Umso wichtiger sei es, nun die richtigen Lehren aus dem Streit zu ziehen.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 04.05.2021

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Dass die Tübinger Dogmatikerin Johanna Rahner und der Passauer Bischof Stefan Oster ihre erhitzt geführte Rassismus-Kontroverse vor ein paar Tagen mit einer gemeinsamen Erklärung beigelegt haben, ist ein gutes und wichtiges Signal. Zeigt es doch etwas, was heutzutage selten ist: Dass man auch tiefe Gräben überwinden kann, wenn beide Seiten bereit sind, eigene Fehler einzugestehen und aufeinander zuzugehen. In Zeiten, in denen der Diskurs vor allem in den (un)sozialen Netzwerken immer rauer und unversöhnlicher wird, ist Rahners und Osters Verständigung ein starkes Zeichen.

Gleichwohl: Dass der Streit zwischen den beiden Protagonisten überhaupt derart eskalieren konnte, hat wohl nicht nur mich erschreckt. Dass zwei Christen, die als Vertreter ihres Glaubens prominente Ämter bekleiden und das Gesicht der Kirche in der Öffentlichkeit damit maßgeblich mitprägen, in dieser Schärfe aufeinander losgehen, war keine gute Werbung für die vielbeschworenen christlichen Werte und auch nicht für die Kirche selbst.

Allerdings fand die Kontroverse ja auch nicht im luftleeren Raum statt. Wer die innerkirchlichen Debatten der vergangenen Monate und Jahre verfolgt hat, weiß, dass auch hier das Klima rauer geworden ist und sich mittlerweile viele sehr tiefe Gräben durch die Kirche ziehen – die noch dazu von Woche zu Woche tiefer zu werden scheinen. Ähnlich wie bei den großen gesellschaftspolitischen Debatten der jüngsten Zeit sinkt auch in der Kirche – übrigens auf allen Seiten – die Bereitschaft, über Lagergrenzen hinweg miteinander zu sprechen, einander zuzuhören und andere Auffassungen zu tolerieren. Dies ist vor allem eine Gefahr für den Synodalen Weg, der ja gerade vom gemeinsamen Gespräch und der Toleranz für andere Überzeugungen lebt und abhängig ist.

Vielleicht, so meine vage Hoffnung, kann der auf offener Bühne ausgetragene Streit zwischen Johanna Rahner und Stefan Oster mit seinem versöhnlichen Ende ein notwendiger Weckruf für die innerkirchliche Debattenkultur sein. Mein Appell: Schüttet die Gräben endlich zu, geht respektvoll miteinander um und gebt damit auch der Gesellschaft jenseits der Kirchenmauern ein gutes Beispiel. Davon würden alle profitieren.

Von Steffen Zimmermann

Der Autor

Steffen Zimmermann ist Redakteur im Korrespondentenbüro von katholisch.de in Berlin.

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