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Standpunkt

Wofür ist die Kirche da? Das ist die entscheidende Frage

Gerade zurzeit ist laut Joachim Valentin die Frage, wofür Kirche da ist, von enormer Bedeutung. Recht beantwortet habe sie Konsequenzen für innerkirchliche Streitfragen, kommentiert er – und erinnert an ein fast schon vergessenes Papstschreiben.

Von Joachim Valentin |  Bonn - 05.05.2021

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Die katholische Welt ist in Aufruhr. Wechselseitige Provokation, Maximalforderungen und Maximal-Verweigerung stehen einander unversöhnlich gegenüber. Und tatsächlich lassen die Abgründe, in die Enthüllungen von klerikalen Schandtaten nahezu im Tagesrhythmus blicken lassen, kaum eine andere Schlussfolgerung zu: Zu einer radikalen Schleifung der Bastionen von rückhaltloser, vormoderner Machtkumulation gibt es trotz aller Gegenwehr keine Alternative. Wie dieser Kampf ausgehen wird, der keineswegs nur einer "zwischen Deutschland und Rom" ist, bleibt vorerst offen.

Gleichzeitig tun überall in der Republik katholische Christinnen und Christen haupt- und ehrenamtlich ihren Dienst zwar bedrückt von der sich zuspitzenden Lage, aber im Kern doch unbeeindruckt. Zu diesem Dienst sind sie vielleicht umso motivierter, je eher sie der Frage "Wofür ist Kirche da?" folgen können, je eher also politische, interkulturelle oder einfach karitative Verantwortung aus dem Geist des Evangeliums Maßgabe des eigenen Handelns sein kann.

Auch Papst Franziskus treibt, nicht nur in seiner viel gelobten, aber in den Diözesen zu wenig befolgten Enzyklika "Laudato si", sondern weit fundamentaler schon im fast vergessenen und doch vielleicht tiefgründigsten Text seines Pontifikats, "Evangelii Gaudium", diese Frage um. Er schreibt: "Man darf nicht vergessen, dass die Stadt ein multikultureller Bereich ist. In den großen Städten kann man ein 'Bindegewebe' beobachten, in dem Gruppen von Personen die gleichen Lebensträume und ähnliche Vorstellungswelten miteinander teilen und sich zu neuen menschlichen Sektoren, zu Kulturräumen und zu unsichtbaren Städten zusammenschließen. Unterschiedliche Kulturformen leben de facto zusammen, handeln aber häufig im Sinne der Trennung und wenden Gewalt an. Die Kirche ist berufen, sich in den Dienst eines schwierigen Dialogs zu stellen (EG 73/74)."

Mitten im Ramadan, mitten im Jubiläumsjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, mitten im Superwahljahr 2021, mitten in der von Tumulten begleiteten Covid-19 Pandemie ist das die für mich entscheidende Frage! Recht beantwortet hat sie unmittelbare Konsequenzen für innerkirchliche Streitfragen: Welche Kirche ist in der Lage, sich wirksam in den Dienst dieses schwierigen Dialoges einer spätmodernen Gesellschaft zu stellen? Wo und wie sind wir in der Lage, nicht im Sinne der Trennung und der Gewaltanwendung, sondern der Bildung einer neuen komplexen Kultur paritätisch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an den schreienden Ungerechtigkeiten und beschämenden Benachteiligungen so zu arbeiten, dass Gottes Reich schon hier sichtbarer wird?

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.