Kardinal Leo Suenens
Belgischer Konzilsvater starb vor 25 Jahren

Leo Suenens – Ein Kardinal auf Konfrontationskurs mit Rom

Er war ein Zugpferd der Reformer auf dem Zweiten Vatikanum: Kardinal Leo Suenens drängte die Kirche zu Neuerungen. Doch besonders nach dem Konzil blieben viele seiner Rufe unerhört – und er setzte zum Frontalangriff auf die Kurie an.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Brüssel - 06.05.2021

Als Präsidiumsmitglied war er ein Zugpferd der reformfreudigen Mehrheit beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Seine Beschreibungen der römischen Kurie gleichen denen des aktuellen Papstes frappierend. Vor 25 Jahren, am 6. Mai 1996, ist Leo Suenens, belgischer Primas und Erzbischof von Mecheln, gestorben. Zeit für eine Relecture.

In vielem erwies sich Leo Suenens als "Bruder im Geiste" des "Konzilspapstes" Johannes XXIII. (1958-1963). Zugleich war er ein Vertrauter des Mailänder Kardinals Giovanni Battista Montini, ab 1963 Papst Paul VI. Der neue Papst holte den begabten Netzwerker und Seelsorger Suenens bewusst an seine Seite.

Keil zwischen Suenens und Papst

Und doch war es ausgerechnet eine der Streitfragen der praktischen Seelsorge, die schließlich einen Keil zwischen Papst und Kardinal trieb. Montini, von Natur aus vorsichtig und abwägend, entschied sich – gegen den Willen von Suenens –, die Frage künstlicher Geburtenkontrolle aus der ohnehin dichten Agenda des Konzils auszuklammern.

Tatsächlich wandte er sich einige Jahre später in seinem im Volksmund auch "Pillen-Enzyklika" genannten Schreiben "Humanae Vitae" (1968) lehramtlich gegen jede Art künstlicher Verhütung. "Jeder eheliche Akt" müsse "auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben".

Papst Paul VI. im Portrait

Kardinal Suenens war einst ein enger Vertrauter von Papst Paul VI. Doch der kirchliche Streit um künstliche Verhütungsmittel trieb einen Keil zwischen die beiden.

Für Suenens, einen der Väter des Konzilsdokuments über die Rolle der Kirche in der Welt von heute, war das eine krasse Fehlentscheidung. 1965 hatte er im Petersdom die Konzilsväter beschworen, der Kirche nicht mit einem Verbot der Pille einen "neuen Fall Galilei" einzubrocken. Der zweite Ehezweck, die Gemeinschaft zwischen den Partnern, sei für eine zeitgemäße Seelsorge ebenfalls zu bedenken.

Auch sonst drängte er bei den Anwesenden auf teils unpopuläre Neuerungen. So gilt er als stärkster Befürworter der Altersbegrenzung für Bischöfe auf 75 Jahre. Zudem wünschte er sich eine Verschlankung des Kirchenrechts und Laien statt Priester als Botschafter des Papstes. Seine Kritiker – auch das eine Parallele zu Franziskus – warfen ihm vor, zwar große Entwürfe zu liefern, theologisch aber zu dünne Bretter zu bohren.

Konzil in der Seelsorge verankern

In den bewegten Jahren nach dem Konzil verfolgte Suenens vor allem seine Absicht, das Konzil auch in der belgischen Seelsorge zu verankern. Er tat das nicht ohne Bereitschaft zum Krach. Im Sprachenstreit um die zweisprachige Universität Löwen trat der Liberale autoritär für deren Einheit auf. Das kostete ihn viel Ansehen bei den Flamen, später auch bei den Wallonen.

Auch im Verhältnis zum Vatikan und zu Papst Paul VI. ging Suenens nun in den Infight – und er begründete dies mit seiner großen Liebe zur Kirche. "Manchmal erfordert Loyalität mehr, als nur den Takt einer alten Melodie zu halten", sagte er in einem Interview 1979. "Für mich bedeutet Loyalität eine andere Art von Liebe."

Der Petersdom und der Petersplatz im Vatikan.

Auf dem Höhepunkt der Krise um "Humanae vitae" setzte Kardinal Leo Suenens in einem Interview, das weltweit Schlagzeilen machte, zu einen Frontalangriff auf die römische Kurie an.

1967, zwei Jahre nach Konzilsende, sprach sich Suenens dafür aus, das Recht zur Papstwahl der Bischofssynode statt den Kardinälen zu übertragen. Und auf dem Höhepunkt der Krise um "Humanae vitae" wagte er in einem Interview, das in fünf Sprachen übersetzt wurde, einen Frontalangriff auf die römische Kurie, der weltweit Schlagzeilen machte. So scharf habe "in den vergangenen 100 Jahren kein anderer Kardinal" den Papst kritisiert, jubelte der "Spiegel" im Juni 1969.

Suenens verglich das Papsttum mit einer Eiche, die erdrosselt werde von "schmarotzenden Schlingpflanzen", die "ihr Mark aufsaugen". Vor lauter "Gebräuchen, Gerichtsverfahren und Verboten" sehe man den Baum nicht mehr. Der Papst verschwende seine Autorität mit kleinlichen Kleidervorschriften wie dem Verlust von Quasten, Schnallen und Troddeln. Die Vatikanbotschafter sollten nicht als päpstliche Geheimpolizei, sondern als Helfer der Bischöfe vor Ort arbeiten.

Tischtuch zunehmend zerschnitten

Der Rundumschlag blieb ohne disziplinarische Konsequenzen – doch zwischen den "Progressiven" in der niederländischen und der belgischen Kirche auf der einen und dem Vatikan unter dem entsetzten Paul VI. auf der anderen Seite war das Tischtuch zerschnitten. In Rom saß man die Aufsässigen aus.

Suenens konnte nichts dagegen haben, dass sein Amtsverzicht aus Altersgründen vom neuen Papst Johannes Paul II. (1978-2005) nur zweihalb Monate nach Vollendung seines 75. Lebensjahres angenommen wurde. Immerhin bekam er einen ebenfalls liberalen Nachfolger: Kardinal Godfried Danneels (1979-2010). Suenens lebte noch fast 17 Jahre. Einer seiner Wahlsprüche lautete: "Glücklich sind die, die Träume haben und bereit sind, den Preis zu zahlen, damit sie wahr werden."

Von Alexander Brüggemann (KNA)