Die Wiederentdeckung des Hörens
"Das hat etwas Kontemplatives"

Die Wiederentdeckung des Hörens

Spiritea - Nicht erst seit der Corona-Krise wird das oft bereits totgesagte Medium immer beliebter: Das Hören von Radio, CDs und Podcasts hilft uns, wenn es still und einsam wird – oder entspannt, wenn die Bilderflut überfordert. Ein unterschätzter Sinn also?

Von Birgit Wilke (KNA) |  Berlin - 10.05.2021

Menschen jenseits der 50 verbinden gemeinsame Kindheitserinnerungen: Das Kinderprogramm im analogen Fernsehen begann an Werktagen erst am späten Nachmittag. An die Erfindung des Internets war noch nicht zu denken. Was also tun an Regentagen, wenn man keine Lust hatte, ein Buch in die Hand zu nehmen? In der Regel griffen die Jungen und Mädchen damals zur Märchen-Schallplatte oder -Kassette und tauchten ein in eine andere Welt. Bilder von Robinson Crusoe und Freitag, von Moby Dick oder Rübezahl entstanden im Kopf.

Im Jahr 2021 boomt der Markt für Geschichten, Wissenswertes oder Belangloses zum Hören wieder. Wegen der Corona-Krise sogar mehr als zuvor, meint der Berliner Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Raum- und Zeitverhalten hätten sich bei vielen seit einem Jahr diametral verschoben, erklärt er. Der vermehrte Drang zum Hören sei "Ausdruck einer komplizierten Änderung unseres Alltags".

In Zeiten von Homeoffice und Homeschooling gebe es eine neue "Häuslichkeit". Daneben verändere sich auch das Zeitmanagement, etwa bedingt durch den Wegfall von Wegen ins Büro und vermehrtes Online-Einkaufen, so Kaschuba. Für Menschen, die alleine lebten und ihre Arbeitskollegen oder Freunde nur noch auf dem Bildschirm sähen, schaffe das Hören zumindest gefühlt neue Kontakte. Und die kann man mit dem Kopfhörer sogar beim Spazierengehen "mitnehmen".

Schreibtisch mit Kaffeetasse, Laptop, Papier

Das Arbeiten im Homeoffice verändert unser Zeitmanagement.

Zugleich komme das Hören von Podcasts in Corona-Zeiten dem großen Informationsbedürfnis vieler Menschen entgegen, meint der Wissenschaftler. Es kam sicher nicht von ungefähr, dass der NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten einer der beliebtesten im vergangenen Jahr war.

Ein weiterer Effekt, den die derzeitige pandemische Krise verursacht: "Corona wirkt wie Schneefall - es wird leiser", meint Kaschuba. Viele Menschen füllten diese Stille mit etwas Hörbarem aus. "Das hat gleichsam etwas Kontemplatives", sagt der Wissenschaftler. Es helfe vielen zu entspannen. Damit sei es auch eine Reaktion auf eine Überflutung durch ein Zuviel an Bildern. Nachweislich bleibt Gehörtes in der Regel auch besser hängen.

Ohren sind verletzlich

Grundsätzlicher wird Buchautor Thomas Sünder, wenn er das Hören einen unterschätzten Sinn nennt. Sünder weiß, wovon er spricht: Jahrelang reiste er als DJ durch die Republik, musste seinen Beruf dann aber nach einem Hörsturz aufgeben und beschäftigt sich seitdem mit diesem Sinn. Er verweist auf dessen bedeutende Rolle in der Kulturgeschichte des Menschen vor allem vor Erfindung der Schrift. "Das Wissen wurde vor allem durch Erzählungen weitergegeben", so Sünder. Das habe die Menschheit extrem geprägt und etwa die Entwicklung von Werkzeug gefördert.

Zugleich ist Sünder auch die Verletzlichkeit des Organs bewusst. "Wir vergessen nur zu gerne, was wir unseren Ohren alles zumuten", so der Autor, der selbst seit dem Vorfall und einigen Schwindelattacken schwerhörig ist. Dabei nähmen künstliche Geräusche immer weiter zu. Der Kopfhörer verführe viele, die Lautstärke immer weiter zu erhöhen. Dabei verursachte Hörschäden seien in der Regel irreparabel. "Wenn die Hörzellen geschädigt sind, kann das nicht wieder geheilt werden."

Hörgeräte wie eine Brille

Sünder trägt Hörgeräte und kommt damit gut zurecht. Seine Botschaft: Das Gehör so früh wie möglich testen zu lassen, wenn man etwa den Fernseher immer lauter drehen muss. In der Regel vergehe viel zu viel Zeit, ehe der Gang zum Hörgeräte-Akustiker führe. Die Folge: Das Gehirn versuche immer wieder auszugleichen, häufig führe das zu einer Überforderung. Außerdem leide auch der Gleichgewichtssinn.

Für Sünder ist ein Schutz des Gehörs und rechtzeitiges Eingreifen sogar eine Versicherung dafür, geistig länger fit zu bleiben. Und so wirbt der Autor denn auch dafür, Hörgeräte gesellschaftlich nicht zu stigmatisieren, sondern sie ähnlich zu betrachten wie eine Brille - als Hilfsmittel für die Sinne.

Von Birgit Wilke (KNA)

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