Sie wäre heute 100 Jahre alt geworden

Politikerin Hildegard Hamm-Brücher: Grande Dame und fröhliche Christin

Aktualisiert am 11.05.2021  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Obwohl sie in ihrer Kindheit viele Schicksalsschläge hinnehmen musste, bezeichnete Hildegard Hamm-Brücher sich als "fröhliche Christin". In der alten "Bonner Republik" war sie später eine feste Größe. Heute wäre die Politikerin 100 Jahre alt geworden.

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Für viele Journalisten war sie noch bis in die 2000er Jahre die Grande Dame der deutschen Politik: Hildegard Hamm-Brücher. Auf jeden Fall ist sie eine der großen Frauengestalten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie selbst sagte wenige Jahre vor ihrem Tod 2016 in einem Interview über sich, sie sei immer gegen den Strom geschwommen, "wollte aber immer hübsch dabei aussehen". Und die Protestantin Hildegard Hamm-Brücher, die in ihrer Kindheit und Jugend viele Schicksalsschläge hinnehmen musste, bezeichnete sich selbst als "fröhliche Christin". Am 11. Mai wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Erwachsen werden musste Hamm-Brücher schon in jungen Jahren. Ihre Eltern – Paul und Lilly Brücher – starben, als sie 10 beziehungsweise 11 Jahre alt war. Mit ihren vier Geschwistern zog sie als Älteste von Berlin nach Dresden zu einer Großmutter. Als die fünf Kinder vor der Tür gestanden hätten, habe diese das ganze Haus umgekrempelt und sogar die Kindermöbel aus Berlin nachholen lassen, damit sie sich dort wohlfühlen, erzählte Hamm-Brücher.

Großmutter begeht Suizid

So war es zunächst auch. Nachdem die Nationalsozialisten 1935 die Nürnberger Rassegesetze erlassen hatten, fanden die Kindertage aber ein jähes Ende: Obwohl die Großmutter längst zum evangelischen Glauben übergetreten war und auch ihre Enkel entsprechend erzog, galt sie nach diesen Gesetzen als Jüdin. In der Folgezeit wurde Hamm-Brücher, eine talentierte Schwimmerin, als sogenannte Halb-Jüdin aus dem Sportverein ausgeschlossen und musste das Schullandheim in Schloss Salem verlassen. Sie konnte aber ihr Abitur 1939 an einem Mädchengymnasium ablegen und mit dem Studium in München beginnen.

1942 beging ihre Großmutter Suizid – aus Angst vor dem Konzentrationslager Theresienstadt, in das sie deportiert werden sollte. Zwei ihrer Brüder kamen in Arbeitslagern um. Diese Erfahrungen und die Hinrichtung der Mitglieder aus der Widerstandsgruppe der Weißen Rose, von denen sie einige persönlich kannte, führten Hamm-Brücher zu ihrem Vorsatz, ihr Leben lang dafür zu kämpfen, dass sich Ähnliches nicht wiederholt.

Bundespräsident Theodor Heuss
Bild: ©KNA-Bild

"Mädle, Sie müsset in die Politik", soll Theodor Heuss, der erste FDP-Vorsitzende und Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland zu Hildegard Hamm-Brücher gesagt haben.

Während des Zweiten Weltkriegs studierte sie Chemie, ihr Doktorvater förderte sie und schützte sie vor dem Zugriff der Nazis. So konnte sie in dem Fach 1945 promovieren. Dann arbeitete Hamm-Brücher zunächst als Wissenschaftsredakteurin. Der erste FDP-Vorsitzende und Bundespräsident von 1949 bis 1959, Theodor Heuss, brachte sie schließlich in die Politik. "Mädle, Sie müsset in die Politik", soll er nach ihren Angaben damals in schwäbischer Mundart zu ihr gesagt haben.

Sie wurde Mitglied der FDP und machte eine beeindruckende Karriere: Von 1948 bis 1954 gehörte sie dem Münchner Stadtrat an. Dort lernte sie den CSU-Politiker und Katholiken Erwin Hamm kennen, den sie 1956 heiratete und mit dem sie zwei Kinder bekam. Von 1950 bis 1966 sowie von 1970 bis 1976 gehörte sie dem Bayerischen Landtag an. Von 1976 bis 1982 war Hamm-Brücher unter dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) Staatsministerin. 1994 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin, unterlag jedoch Roman Herzog. Nach über 50 Jahren Mitgliedschaft in der FDP trat sie 2002 unter anderem wegen anti-israelischer Äußerungen des Politikers Jürgen Möllemann aus. Seither definierte sie sich als "freischaffende Liberale".

"Mein Leben hatte nichts zu wünschen übrig"

Zu ihren zahlreichen Ehrenämtern gehörte die Mitgliedschaft im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags von 1974 bis 1988. Hier setzte sie sich vor allem für den christlich-jüdischen Dialog ein. Immer wieder warnte sie auch vor den Gefahren für die Demokratie. Sie unterstützte den Verein "Demokratisch Handeln", der demokratische Erziehung in Jugendarbeit und Schule fördert und seit 2009 den Hildegard-Hamm-Brücher-Preis verleiht.

Ihren demenzkranken Mann pflegte Hamm-Brücher bis zu dessen Lebensende im Jahr 2008. Sie selbst zog sich in ihren letzten Lebensjahren immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück und hatte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Von Zeit zu Zeit erhob sie aber ihre Stimme. So warnte sie vor einem Wiedererstarken der Rechtsextremisten. Für Tendenzen kurz vor "echtem Nazismus" bestehe in Deutschland großes Potenzial: Das Erbe des Nationalsozialismus sei nicht gebannt. "Im Grunde kann man fürchten, dass da eine ganze Menge nachgewachsen ist." In einem ihrer letzten Interviews erklärte sie: "Mein Leben hatte nichts zu wünschen übrig."

Von Birgit Wilke (KNA)