Kölner Pastoral- und Gemeindereferenten: Es lohnt sich zu kämpfen
Pastorale Berufe fordern Dialog und Beteiligung von Kardinal Woelki

Kölner Pastoral- und Gemeindereferenten: Es lohnt sich zu kämpfen

Das Erzbistum Köln kommt nicht zur Ruhe. Nach Verbänden und Räten melden sich nun auch die Angehörigen der pastoralen Berufe zu Wort und fordern Dialog und echte Beteiligung. Sie zeichnen ein düsteres Bild der Lage – aber sie geben die Hoffnung nicht auf.

Von Felix Neumann |  Köln - 13.05.2021

Das Erzbistum Köln kommt nicht zur Ruhe. Auch nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens der Kanzlei Gercke und Wollschläger kommen immer neue Details zu eigentlich schon aufgeklärt geglaubten Fällen ans Licht. Der Pastorale Zukunftsweg stockt, Räte und Verbände gehen auf Distanz zur Bistumsleitung. Die Unzufriedenheit in den Gemeinden ist groß – das spüren auch die Pastoral- und Gemeindereferenten. Bisher haben sie über Briefe und Gespräche den Dialog mit Kardinal Rainer Maria Woelki gesucht – doch nun glauben sie, dass das nicht reicht. Im Gespräch mit katholisch.de erzählen die Vorstandsmitglieder der beiden Kölner Berufsverbände der Pastoral- und Gemeindereferenten, die Pastoralreferentinnen Regina Oediger-Spinrath, Kordula Montkowski, Regina Bannert und die Gemeindereferentinnen Birgit Bartmann und Judith Effing, was sich aus ihrer Sicht ändern muss.

Frage: Warum gehen die Berufsverbände der Pastoral- und Gemeindereferenten jetzt an die Öffentlichkeit?

Bartmann: Wir hatten bereits vor einem halben Jahr, als die Veröffentlichung der Missbrauchsgutachten anstand, ein Gespräch mit dem Kardinal. Wir nehmen aber jetzt wahr, dass sich die Situation im Bistum immer weiter zuspitzt. Mit Statements per Brief oder im Gespräch kommen wir derzeit in für uns zu kleinen Schritten weiter. Wir haben uns mehrfach mit Kollegen zurückgebunden im gemeinsamen Austausch und haben den Eindruck: Wir sind an einem Punkt, an dem viele sagen, "jetzt reicht's".

Frage: Worum geht es Ihnen?

Effing: Viele Menschen wenden sich an uns als Theolog*innen und Religionspädagog*innen und wollen wissen, wo wir stehen. Im Moment tut es gut, sich mit vielen Gruppierungen innerhalb unserer katholischen Kirche auszutauschen, mit Pfarrernetzwerken, den Frauen- und Jugendverbänden, auch mit Maria 2.0. Wir suchen gemeinsam nach konstruktiven Schritten, wie die Veränderung angegangen werden kann, um dieser noch nie dagewesenen Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise in unserem Bistum begegnen zu können. Egal wo wir hingehen, selbst bei Seelsorgegesprächen: Nach wenigen Sätzen erzählt man mir die eigene leidvolle Verletzungsgeschichte durch die Kirche. Das gab es vor zehn, vor zwanzig Jahren noch nicht so. Die Themen müssen auf den Tisch. Es kann kein "Weiter so" geben.

Frage: An welche konkreten Schritte denken Sie dabei?

Bannert: Als das Gercke-Gutachten veröffentlicht wurde, war die zentrale Kritik, dass eine rein juristische Sichtweise eingenommen wurde. Es ist immer wieder die Rede davon gewesen - das hat auch Kardinal Woelki in einem Brief an uns deutlich gesagt -, dass es unbedingt eine systemische Aufarbeitung geben muss. Auch zwei Monate nach Veröffentlichung des Gutachtens können wir aber keine wesentlichen Schritte hin zu einer solchen Aufarbeitung erkennen. Ganz im Gegenteil zeigen die jüngsten Äußerungen von Generalvikar Hofmann weiterhin eine juridische Entschuldigungslogik – und das ist nicht das, was die Menschen und wir im Kolleg*innenkreis für ausreichend halten.

Kardinal Rainer Maria Woelki nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln am 18. März 2021.

Frage: Wie ist die Stimmung innerhalb Ihrer Berufsgruppe?

Oediger-Spinrath: Wir haben Austauschtreffen initiiert und dabei hohe Resonanz erfahren. Uns als Sprecherinnen wurde dabei der Rücken gestärkt und mitgegeben, dass wir deutlicher auftreten müssen, und auch öffentlich das einbringen, was wir konstruktiv mitgestalten wollen, und was wir kritisch sehen. Manchmal hören wir den Vorwurf, die Aufarbeitung des Umgangs mit sexuellem Missbrauch würde zum Anlass genommen, andere kritische Themen im selben Atemzug zu nennen. Aber die Themen hängen alle zusammen: Ob es der Pastorale Zukunftsweg ist, bei dem trotz vieler Arbeitsgruppen im Letzten doch top down entschieden wird, ob es die Frauenfrage ist, ob es das Nein zum Segen für homosexuelle Paare ist – es hat alles mit Macht und Machtmissbrauch zu tun. Darüber haben wir uns ausgetauscht, und mit der großen Mehrheit unserer Kolleginnen und Kollegen kommen wir zu ähnlichen Auffassungen.

Bartmann: Wir stehen zwischen den Polen: Wir sind Bistumsangestellte und dem Kardinal als oberstem Dienstherr verpflichtet, auf der anderen Seite stehen wir aber mitten in den Gemeinden, mitten unter den Menschen und müssen erleben, dass wir als Kirche bei den Menschen keine Glaubwürdigkeit mehr haben. Bisher war es noch so, dass wir versucht haben, einen Weg mit dem Kardinal gemeinsam zu gehen. Wir stellen aber fest: Es braucht in dieser Zeit mehr. Das haben wir dem Kardinal auch vor zwei Wochen in einem Brief geschildert, und noch einen zweiten Brief mit über 150 Unterschriften der Angehörigen der beiden Berufsgruppen nachgeschickt. Bisher haben wir noch keine Antwort bekommen, auch keine Eingangsbestätigung. Wir sind der Ansicht: Leise und vermittelnd geht nicht mehr. Wir müssen unsere Sorge um die Kirche anders zum Ausdruck bringen.

Frage: Was sind Ihre Forderungen?

Bannert: Unsere konkreten Forderungen haben sich zunächst auf die Aufarbeitung des Missbrauchs bezogen. Da geht es auch um sehr konkrete Punkte wie die personelle Ausstattung einer solchen Stelle im Erzbistum.

Frage: Diese Stelle wurde jetzt eingerichtet.

Bannert: Das ist ein wichtiger Schritt, den wir ausdrücklich begrüßen. Die Besetzung der Leitung ist aber eine Enttäuschung. Der Leiter bringt keine fachliche Expertise mit, und die Aussage, dass er sich schon lange mit dem Thema beschäftigt, finden wir nicht ausreichend. Unsere Forderungen beziehen sich aber darüber hinaus auf die dringend notwendige Aufarbeitung der systemischen Ursachen und der dafür erforderlichen Kommunikationskultur. Das Gesamte muss gesehen werden: Wie kommuniziert, etwa im Diözesanpastoralrat oder in den Foren des Pastoralen Zukunftswegs Das ist eine Art zu kommunizieren, die wir als nicht zureichend erleben. Wir leben in einer Demokratie, die Menschen sind eingeübt in Beratungsprozesse und erwarten eine Beteiligung, in der ergebnisoffen die Meinungen eingebracht werden können. Das findet so definitiv nicht statt.

Zielskizze des Pastoralen Zukunftswegs im Erzbistum Köln

Auf dem Papier sieht die Zielskizze des Pastoralen Zukunftswegs im Erzbistum Köln dialogisch und beteiligungsorientiert aus. Tatsächlich knirscht es in der Zusammenarbeit. Für die Vertreterinnen der pastoralen Berufe fehlt es dem Zukunftsweg an echter Beteiligung.

Oediger-Spinrath: Für uns zentral ist die Forderung nach echter Partizipation. Wir erleben ständig Deutungshoheit: Die Leitung weiß, was richtig und falsch katholisch ist, und wir erleben ihre Entscheidungshoheit: Die Leitung tut, was sie für richtig hält. Wir dürfen ein bisschen beraten, aber nicht mitentscheiden – und das machen die Leute einfach nicht mehr mit.

Bannert: Das Selbstbewusstsein in der Berufsgruppe wächst. Wir sind langjährig erfahrene, gut aus- und fortgebildete Seelsorger*innen mit vielfältigen Kompetenzen. Wir erleben aber, dass diese Kompetenzen nicht gleichberechtigt Gewicht haben, wenn es um die Gestaltung der Zukunft der Kirche in unserem Bistum geht. Je länger wir im Beruf sind, um so deutlicher erleben wir, dass wir als Seelsorger*innen Räume gestalten können, in denen sich Menschen beheimaten und denen sie sich spirituell wiederfinden. Wir erwarten, dass unsere Kompetenzen angemessen gewürdigt werden. Wir wollen Verantwortung übernehmen in diesen Prozessen – und wir wissen, wie das offen, transparent und partizipativ gestaltet werden kann.

Frage: Was wäre denn notwendig?

Bannert: Die Beschäftigung mit dem Priesterbild und wie Priester Macht ausüben. Klerikalismus wurde von vielen Seiten als wesentliche Ursache für die Missbrauchsfälle und ihre Vertuschung gesehen. Wir können keinesfalls nur innerhalb der Priesterschaft darüber reden, was Klerikalismus ist. Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen, die priesterlichen Machtmissbrauch in ihrer Berufslaufbahn leidvoll erfahren mussten. Darüber muss offen gesprochen werden. Die Frage ist, ob es überhaupt möglich ist, in unserem Bistum mit dieser Leitung das, was die Menschen dazu bewegt, zu diskutieren und zu verändern.

Frage: Wie duldsam sind pastorale Mitarbeitende? Gibt es Tendenzen, dass Pastoral- und Gemeindereferenten den Beruf verlassen und kündigen?

Montkowski: Die gibt es, deutlich. Selbst Kolleginnen und Kollegen kündigen, die kurz vor der Rente stehen und gedacht hatten, sie halten die wenigen Jahre noch durch. Es geht durch alle Altersgruppen, dass Menschen kündigen oder auf Stellensuche sind – da sind deutliche Abwanderungsbewegungen zu spüren. Es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die das Bistum wechseln, weil sie sagen, dass in anderen Bistümern zumindest die Stimmung besser ist und man freier arbeiten kann mit mehr Verantwortung. Einige Kolleginnen und Kollegen haben auch einfach nur die innere Kündigung vollzogen und machen Dienst nach Vorschrift. Am anderen Ende des Berufswegs bleibt der Nachwuchs aus: Es gibt kaum noch Bewerberinnen und Bewerber, die neu dazukommen. Wer heute einen pastoralen Beruf ergreifen will, kann sich aussuchen, in welchem Bistum er oder sie anfangen will. Und da ist Köln nicht das attraktivste. Man merkt seit Jahren, dass längst nicht alle Stellen besetzt werden können.

Oediger-Spinrath: Die Situation ist auch für die belastend, die nicht direkt beim Bistum angestellt sind, sondern zum Beispiel in karitativen Verbänden. Hauptberufliche dort werden immer mehr angefragt, wieso sie überhaupt noch bei der Kirche arbeiten. Das bringt viele in Gewissenskonflikte. Es ist ein ständiger Spagat zwischen der Loyalität zum Evangelium Jesu Christi und der Loyalität zur Kirchenleitung. Es kommt auch immer wieder vor, dass Kooperationspartner nicht mehr mit kirchlichen Institutionen zusammenarbeiten wollen, etwa mit Bildungswerken – und das, obwohl da gute Arbeit gemacht wird.

Frage: Das klingt hoffnungslos.

Bannert: Man braucht nicht drum herum zu reden. Auch in unseren Berufsgruppen sind die Menschen nicht mehr besonders optimistisch. Worauf sollte sich der Optimismus auch stützen? Da sind dringend Zeichen und Taten erforderlich, um zu zeigen, dass ein anderer Weg eingeschlagen wird.

Frauen protestieren: In der Mitte hält eine Frau ein Plakat mit der Aufschrift "Wenn ich groß bin, werde ich Päpstin". Hinter den Frauen ist ein Banner mit der Aufschrift "Der Synodale Weg" und dem Logo dazu.

Nicht nur in Köln wird diskutiert und protestiert. Beim Synodalen Weg stehen Themen im Mittelpunkt, die auch die Kölner Gemeinde- und Pastoralreferenten bewegen wie Machtmissbrauch und Klerikalismus.

Bartmann: Im Gespräch mit dem Kardinal haben wir aber immerhin viel guten Willen erlebt. Das kann man nicht leugnen. Wir reden aber in vielen Dingen aneinander vorbei, und so ist keinerlei konstruktives Weitergehen möglich.

Oediger-Spinrath: Es lohnt sich aber zu kämpfen. Ob wir Erfolg haben, das wage ich nicht zu prognostizieren. Aber wir müssen darum ringen, wie die Botschaft Jesu in die heutige Gesellschaft wirken kann in Formen, die von vielen mitgetragen werden. Die Botschaft Jesu kommt im Moment kaum zur Sprache bei den vielen Krisen, denen wir ausgesetzt sind – bei der ökologischen Krise, der Corona-Krise, der Gerechtigkeitskrise. Eigentlich ist die Botschaft Jesu gerade jetzt gefragt. Deshalb bringe ich mich ein, auch wenn der Erfolg nicht auf der Hand liegt.

Von Felix Neumann