Andrea Riccardi im Porträt
Bild: © KNA
Warnungen vor einem Schisma hält er für übertrieben

Kirchenhistoriker Riccardi blickt mit Skepsis auf Synodalen Weg

Der Kirchenhistoriker Andrea Riccardi hat mit Blick auf den Synodalen Weg vor einer rein deutschen Reformdebatte gewarnt. Auch zu den wiederkehrenden Warnungen vor einem Schisma äußerte sich der Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio.

Rom - 13.05.2021

Die Reformdebatte beim Synodalen Weg zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland hält der Historiker Andrea Riccardi zwar für notwendig, eine rein deutsche Diskussion sieht er aber skeptisch. "Es müssen gemeinsame Wege gefunden werden", sagte er am Donnerstag in Rom bei der Vorstellung eines Buches über Krisen der katholischen Kirche. Die Warnungen vor einem Schisma hält Riccardi für übertrieben, gleichwohl gebe es besorgte Blicke nach Deutschland, nicht nur aus dem Vatikan.

Kirchenkrise in Frankreich größer als in Deutschland

Die Themen des Synodalen Wegs habe der Papst gutgeheißen, so Riccardi, aber Franziskus bestehe auch auf mehr Anstrengungen zur Evangelisierung sowie beim Einsatz für die Armen. Die seit den 1950er Jahren andauernde Krise der katholischen Kirche gehe im Übrigen tiefer als die bekannten Reizthemen. Abnehmenden Gottesdienstbesuch sowie sinkende Zahlen von Priester- und Ordensberufungen gebe es überall in Europa und Nordamerika, warnte der Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio. Die Kirche in Frankreich sieht er in einer größeren Krise als in Deutschland.

Eine wesentliche Herausforderung sieht der Historiker bei der Beteiligung von Frauen in der Kirche. Die Kirche sei dafür noch zu stark vertikal strukturiert. Damit einher geht laut Riccardi eine Krise des Mann- und Vater-Seins, von Autorität und Lehre. "Das wahre Problem der Kirche ist es, wie sie gelebt werden kann als eine Gemeinschaft von Frauen und Männern mit gleicher Würde", sagte Riccardi. Dies werde aber nicht gelöst mit einem Priesteramt für Frauen.

Potenzial für Kirchenspaltung durch nationalistische Tendenzen

Potenzial für eine faktische Kirchenspaltung sieht der Historiker in der Instrumentalisierung von Religion durch nationalistische und fundamentalistische Tendenzen. "Vielerorts gibt es wieder Träume von einem katholischen Regime nach Art eines Franco in Spanien oder Salazar in Portugal: weiß, anti-islamisch, globalisierungsfeindlich", warnte Riccardi.

Gefragt nach möglichen Konsequenzen für Geistliche, die entgegen vatikanischer Anordnung homosexuelle Paare segnen, sagte Riccardi: "Ich erwarte keine Strafen. Wir befinden uns mitten in der Diskussion über dieses Thema – und darüber, wie die Glaubenskongregation reagiert hat." Dies aber gehöre in die notwendigen synodalen Prozesse der Kirche weltweit. In seinem Buch "La Chiesa che brucia" ("Die Kirche, die brennt") befasst Riccardi sich als Kirchenhistoriker mit Krisensymptomen der katholischen Kirche vor allem in Europa und Nordamerika, aber auch weltweit. Dazu inspiriert habe ihn das Bild der brennenden Kathedrale Notre-Dame in Paris im April 2019, so der Autor. (stz/KNA)