In Anlehnung an die Erschaffung Adams in Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle berühren sich ein Roboter und eine menschliche Hand.
Neues Kompendium sucht nach Gott im Digitalen

Theologie und Digitalität: "Technik ist nicht gottfrei zu denken"

Menschen können durch Technik ihr Leben verlängern und ihren Körper verändern, künstliche Intelligenz wirft Fragen nach dem Menschenbild auf – das sind auch Themen für die Theologie. Über ein Dutzend Theologen stellen nun die Frage nach Gott in der Digitalität. Ein Interview.

Von Felix Neumann |  Frankfurt am Main/Würzburg - 26.05.2021

"Die digitale Transformation ist in ihrer Dynamik und ihren Konsequenzen kaum zu fassen", heißt es vom Verlag zum "Kompendium Theologie und Digitalität". Fast zwei Dutzend Theologinnen und Theologen versuchen es aber doch, einen Zugang zu diesem Großthema der Gegenwart für die Theologie zu finden – mit einer großen Themenbreite von Kultur über das Menschenbild zur Frage nach Gott und der Ethik der Medien. Im Interview mit katholisch.de berichten zwei der Herausgeber, der Sankt Georgener Pastoraltheologe Wolfgang Beck und die Würzburger Religionspädagogin Ilona Nord, wie die Theologie mit der Digitalität umgeht – und was sie zu Robotern zu sagen hat.

Frage: Warum braucht es eine Theologie der Digitalität? Gibt es auch eine Theologie der Schriftlichkeit oder des Buchdrucks?

Beck: Natürlich sind Medien nie nur Transportmittel. Sie sind Bestandteil einer Gegenwartskultur und sagen eine Menge über das Leben in einer Gegenwartsgesellschaft, über eine Epoche, eine Region, einen Kulturraum aus. Medienfragen sind immer gesamtgesellschaftliche Themen – wenn ich das ernst nehme, ist es nur logisch, dass es eine Theologie der Digitalität gibt. Die ist auch nicht mit einem Kompendium abgedeckt, sondern lässt sich nur Schritt für Schritt entdecken. Wir fragen danach, wie sich Theologie, die Frage nach Gott und auch die Frage nach dem Menschen in so einer Gegenwartsgesellschaft je neu gestalten.

Wolfgang Beck (2. v.l.) auf der re:publica

Wolfgang Beck (*1974, 2. v. l.) nimmt seit 2015 die Vertretung des Lehrstuhls für Pastoraltheologie und Homiletik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main wahr. Der Juniorprofessor ist Priester des Bistums Hildesheims und Sprecher beim Wort zum Sonntag.

Nord: Wir haben den Band nicht umsonst "Theologie und Digitalität" genannt. Wir hatten zwar überlegt, ob der Titel "Theologie der Digitalität" lauten soll. Wir haben uns aber gegen eine "Genitiv-Theologie" entschieden, weil es um die Deutung eines epochalen Transformationsprozesses mit der Deutewissenschaft Theologie geht. Wir haben uns den Auftrag gestellt, einzuholen, welche Transformationsprozesse es zu identifizieren gilt, was sich wie verändert hat, und welche Konsequenzen sich für das kirchliche Handeln und für das theologische Nachdenken daraus ergeben. Digitalität ist wie Individualisierung, Globalisierung und Migrationsgesellschaft ein großer soziologischer "Tankerbegriff", auf den die Theologie zu reagieren hat.

Frage: Welche digitalen Phänomene sind aus Sicht der Theologie besonders interessant?

Beck: Uns beide beschäftigen gerade die Auswirkungen der Pandemie und wie sich dadurch Kirchen in Bezug auf digitale Kommunikation verändern. Das erforschen wir gerade in dem großen, internationalen Forschungsprojekt "CONTOC" ("Churches Online in Times of Corona").

Ilona Nord ist Professorin für Religionspädagogik an der Universität Würzburg

Ilona Nord (*1966) ist seit 2015 Professorin mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts am Institut für evangelische Theologie, Religionspädagogik und kulturwissenschaftliche Religionsforschung der Universität Würzburg.

Nord: Für mich als Religionspädagogin ist es hochinteressant zu sehen, dass Religionserschließung sich heute vor allem über Medien vollzieht, weil religiöse Sozialisation kaum mehr über traditionelle Instanzen stattfindet, also in der Kirchengemeinde oder in der Familie. Risse in dieser Traditionsbildung sind schon seit Jahrzehnten zu beobachten. Was wir aber seit Jahrzehnten im kirchlichen Handeln und auch in der Theologie nicht berücksichtigt haben, ist, dass Kinder und Jugendliche sich religiöse Erfahrungen auch und mit großer Wahrscheinlichkeit immer mehr über Medien erschließen. Überhaupt ist theologisch immer Medialität im Spiel, auch beim Abendmahl oder in der Offenbarungstheologie. Dabei müssen wir uns aber fragen, welche Formen von Medialität angemessen sind, nicht ob Medialität angemessen ist. Beim Abendmahl interessiert mich etwa die Frage der Gemeinschaft – was bedeutet die Feier des Abendmahls, wenn das nicht leiblich, face to face, in Kopräsenz geschieht? Wir können ja nicht Brot und Wein über den Bildschirm zu uns nehmen.

Beck: Ich finde es spannend, dass sich im Digitalen auch das Bild des Menschen verändert oder neu prägt. Fragen von Sichtbarkeit und Lokalität verändern sich, es gibt Beschleunigungseffekte der Kommunikation, Formen des Erinnern verändern sich. Und für mich als Pastoraltheologen ist besonders spannend, dass sich die Formen verändern, wie Menschen ihre Verbundenheit miteinander pflegen: Neue Sozialformen entstehen, bestehende enden oder verändern sich. Das ist für kirchliches Leben und dafür, was Kirche im 21. Jahrhundert sein könnte, von großem Interesse, weil damit auch die Frage aufgeworfen ist, ob Kirche sich möglicherweise auch solchen neuen Formen des Zusammenlebens öffnet.

Frage: Findet das auch schon Niederschlag in der Praxis von Kirchenentwicklung?

Beck: Nein. In fast allen deutschen Diözesen finden verschiedene Entwicklungs- und Reformprozesse statt. Digitalität kommt in diesen Prozessen aber praktisch nicht vor. Es scheint kaum ein Bewusstsein dafür vorhanden zu sein, dass es vielleicht auch digitale Kirchorte gibt. Da ist abgesehen von wenigen Ausnahmen ein blinder Fleck in Fragen der Kirchenentwicklung.

Cover von "Theologie und Digitalität"
Bild: © Verlag Herder

Das Kompendium "Theologie und Digitalität" erschien im Mai 2021 bei Herder.

Frage: Liegt das vielleicht auch an der Konfession? Tut sich die dezentrale synodale evangelische Kirche leichter mit Digitalität als die hierarchische katholische?

Beck: Das könnte man so sagen. Gerade die partizipativen Elemente von Social Media haben eine größere Kompatibilität für die eher synodale Gestaltung kirchlichen Lebens im Protestantismus. Inwiefern das immer gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Es gibt allerdings auch im Katholischen starke Anknüpfungspunkte an das Digitale: Ich habe schon von der Tendenz der Sichtbarkeit des Menschen gesprochen. Da bestehen starke Anknüpfungspunkte im Katholischen, die bislang vielleicht nur anfanghaft konstruktiv genutzt werden.

Nord: Beide Kirchen sind Institutionen, und Institutionenkommunikation im Internet folgt bestimmten Regeln, auch bei außerkirchlichen Organisationen. Insofern sehe ich auf der Leitungsebene von evangelischer und katholischer Kirche keinen sehr großen Unterschied. Es gibt bei beiden Konfessionen Beispiele von erfolgreicher oder weniger erfolgreicher Kommunikation.

Frage: Das Kompendium legt einen Schwerpunkt auf systematische Theologie, Disziplinen wie die Sozialethik kommen weniger vor. Woran liegt das?

Beck: Fragen der Digitalität werden mittlerweile in nahezu allen theologischen Disziplinen behandelt, und im Kompendium wird sichtbar, dass es auch einen systematisch-theologischen Diskurs gibt, also die Frage nach Gott, und wie Glaubensinhalte noch einmal neu zu bestimmen sind in einem Umfeld, das als Kultur der Digitalität beschrieben werden kann. Das ist eine neue Entwicklungsstufe in den theologischen Diskursen. Die Diskurse in der Sozialethik oder auch in der Religionspädagogik finden seit Jahren statt, aber wir haben sie in diesem Werk nicht noch einmal wiederholt.

Nord: Die Verspartung der theologischen Fächer ist nicht mehr zeitgemäß. Für die Sozialethik auf evangelischer Seite kann ich sagen, dass es einen Abbau dieser Disziplin gegeben hat und dass gerade nicht die Zeit für große sozialethische Entwürfe zu sein scheint. Dafür sind die dogmatischen Fragen nach vorne gekommen, und das zeichnet sich auch in der Digitalisierungsdebatte ab. Aktuelle Fragen sind die nach dem Transhumanismus, also die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten durch Technik, und nach dem Gottesbild. Natürlich haben auch andere Kulturwissenschaften mit Vertretern wie Yuval Harari diese Diskussionen befördert: Was ist eigentlich mit Gott? Wird die Frage nach Gott überflüssig in einem transhumanistischen Entwicklungsprozess? Was Thema in der Theologie ist, liegt nicht allein am individuellen Geschmack der Theologinnen und Theologen, es liegt auch am gesellschaftlichen Debattenumfeld. In einem Moment, in dem Kirchen immer mehr mit dem Rücken zur Wand sehen, was ihre Plausibilität in der Gesellschaft anbelangt, sind sie vielleicht geneigt, stärker auf explizit theologische Gehalte zuzugreifen als auf ihre nicht mehr unstrittige sozialethische Kompetenz.

Frage: Ein explizit theologischer Gehalt ist das christliche Menschenbild, das der Transhumanismus herausfordert. Christentum ist Inkarnation, Transhumanismus Exkarnation, die Überwindung des Leibes im Digitalen und in der Technik. Wie kann man ein christliches Menschenbild produktiv in gesellschaftliche Debatten einbringen?

Beck: Ein wesentliches Element im christlichen Menschenbild ist sein solidarisches Ausgerichtetsein auf andere Menschen, ihn nicht nur als Solitär zu verstehen und seine Singularität zu betonen, sondern in seiner Verbundenheit mit anderen Menschen zu sehen, als soziales und solidarisches Wesen. Das wirft im Digitalen Fragestellungen auf, die sich auch gesamtgesellschaftlich stellen: Exklusionstendenzen, Datenschutz, Fakenews, das hängt alles mit dem Menschenbild und der Frage seiner Sozialität zusammen. Neben seinem Aufgehobensein in der Beziehung mit Gott gehört sein Verwiesensein zu den anderen Menschen zum Wesenskern des christlichen Menschenbilds.

Nord: Ich will nicht dem Transhumanismus das Wort reden. Aber wir sind nach christlicher Anthropologie noch nicht fertig, der Mensch ist noch nicht vollkommen präsent in dieser Welt, sondern wir leben eschatologisch auf eine neue Welt hin – das hat den Transhumanismus auch von Seiten der christlichen Tradition befördert. Man muss als Christ:in nicht jede Veränderung des Menschseins ablehnen, etwa wenn es um den Einsatz von Technik in der Medizin zur Verlängerung des Lebens oder zur Verbesserung der Lebensqualität geht. Theologie reflektiert darauf, wie man hier angemessen mit der Endlichkeit des Menschen umgehen kann. Dabei geht es immer um Abwägungsfragen, nicht um ein einfaches Entweder-Oder – und diese Fragen hängen auch stark mit unterschiedlichen Kulturen zusammen.

Frage: An welche unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen denken Sie dabei?

Nord: Bei uns ist man sehr kritisch, was den Einsatz von Robotern in der Pflege angeht. Wenn Sie nach Japan schauen, gibt es dort ganz andere Einstellungen und Fragestellungen, auch im katholischen Christentum. Die Nutzung von Robotern ist sehr viel fragloser in der gesamten Gesellschaft etabliert, auch in der Intimsphäre, ohne dass dabei Nachteile für das, was menschliche Identität ausmacht, gesehen werden. Natürlich ist der Shintoismus als gesellschaftlicher Hintergrund eine starke Tradition, die in Japan in das Christentum eingegangen und dort wirksam geworden ist.

Die Caritas erforscht den Einsatz von Robotern in Pflegeheimen. In Japan ist der Einsatz von Technik in der Pflege schon viel selbstverständlicher als bei uns.

Frage: In Deutschland sorgte der Segensroboter "Bless U 2" beim Reformationsjubiläum für Aufsehen. Gibt es in anderen Kulturen auch eine geringere Scheu davor, Roboter in religiöse Rituale einzubeziehen?

Nord: Auch das ist eine Frage, die bei uns viel kritischer diskutiert wird als in Japan. Dort ist beispielsweise der Roboter "Mindar" in buddhistischen Tempeln im Einsatz – nicht nur für Kirchenführungen, sondern auch zur religiösen Alphabetisierung oder für liturgische Rituale, andere Roboter werden für Bestattungen eingesetzt. Das hat auch ökonomische Gründe, weil die Bestattungsrituale einfach sehr teuer sind. Aber die Integration von Robotern ist im Buddhismus ganz allgemein viel weniger umstritten als bei uns.

Frage: Gibt es solche Ansätze auch im Christentum?

Nord: Im vergangenen Herbst habe ich auf einer Konferenz zu Roboter-Philosophie Gabriele Trovato kennengelernt, ein aus der katholischen Tradition herkommenden Informatiker, der "theomorphe" Roboter entwickelt

Frage: Also "gott-förmige" Roboter?

Nord: Ja. Einen theomorphen Roboter kann man sich so vorstellen, dass er zum Beispiel alle Elemente des Lebens repräsentiert, Tiere, Menschen, Natur, um die Fülle des Lebens zu repräsentieren.

Beck: Wir beobachten, dass es immer wieder aus dem Bereich der Informatik und der Technikphilosophie Ansätze gibt, vom Technischen her philosophische oder theologische Aussagen zu machen. Das geht selten gut, weil sich da Denkerinnen und Denker auf ein Terrain bewegen, in dem sie munter Behauptungen treffen, die nicht immer weiterführend sind und die hinter dem Reflexionsstand von Theologie und Philosophie zurückbleiben. So würde ich auch solche Ansätze in der Robotik einordnen.

Frage: Das klingt auch nach einem Phänomen der Digitalität, dass alle Experten für alles sind …

Beck: Grenzüberschreitungen sind typisch für das Digitale: Grenzüberschreitungen zwischen analog und digital, Hybriditäten zwischen Körperlichem und Technischen, auch ganz praktisch in der medizinethischen Debatte. Es wird uneindeutiger, Technisches von Nichttechnischem unterscheiden zu können. Aber es wäre ein Kategorienfehler, Gott im Technischen zu verorten. Ich gehe weiterhin davon aus, dass Gott ein transzendenter bleibt, deshalb suche ich ihn hinter dem Technischen, aber nicht im Technischen.

Nord: Solche Grenzverwischungen können wir aus unserer theologischen oder kirchlichen Perspektive feststellen. Aber wir müssen auch zugeben, dass sie ein Phänomen des Abbaus kirchlicher Autorität sind. Die religiöse Diskurslandschaft wird von uns nicht mehr bestimmt. Darauf müssen Kirchen und Theologien reagieren – die Frage, wie nachvollziehbar und plausibel wir argumentieren, stellt sich ganz zugespitzt, weil wir kein Monopol auf das Transzendente mehr haben. Allerdings ist Gott auch nicht nur transzendent. Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion, die sich dadurch auszeichnet, dass Gott sich inkarniert. Damit macht es auch den Zugang zu Gott durch die Welt stark. Und das geschieht durch Technik, die als Kulturschöpfung zu sehen ist. Technik spiegelt menschliches Handeln wieder, das an Schöpfungskraft und Präsenz Gottes partizipiert. Ich glaube nicht, dass Technik gottfrei zu denken ist.

Von Felix Neumann