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Standpunkt

Werden die Visitatoren Woelki besser erreichen als die Gläubigen?

Wenn sie genau hinhören, werden die Visitatoren erkennen, dass die Krise im Erzbistum Köln auch eine Krise der Leitung ist, kommentiert Joachim Frank. Doch vielleicht verstärke gerade dieser Besuch die "Hörfähigkeit" Kardinal Woelkis.

Von Joachim Frank |  Bonn - 31.05.2021

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Misstrauensvotum des Papstes? Beistand aus Rom in einer Zeit der Bedrängnis und Chance für die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals? Aufs erste Hören schließen sich die zwei Lesarten aus, die Kritiker von Kardinal Rainer Maria Woelki einerseits und der Kölner Erzbischof andererseits zu der vom Papst angeordneten Apostolischen Visitation des Erzbistums Köln verbreiten.

Franziskus schickt zwei hochrangige Würdenträger nach Köln, den Kardinal von Stockholm und den Vorsitzenden der niederländischen Bischofskonferenz, nach Köln. Aber die Visitatoren kommen natürlich nicht einfach nur zu "Besuch", wie Kardinal Woelki es am Sonntag in seiner wöchentlichen Videobotschaft formuliert hat. Liefe im mitgliederstärksten und – zumindest aus Kölner Sicht – wichtigsten deutschen Bistum unter Woelkis Führung alles bestens, hätten Kardinal Anders Arborelius und der Rotterdamer Bischof Hans van den Hende zuhause bleiben können.

Vielmehr machen sie sich im Auftrag des Papstes nach Köln auf, weil dort – bildlich gesprochen – der Dom wackelt. Der Missbrauchsskandal hat auch andere Bistümer erschüttert, und Woelki hat recht, wenn er sagt, dass Aufarbeitung ein schwieriger und schmerzhafter Prozess ist. Aber wenn die Besucher aus Schweden und den Niederlanden auf das hören, was führende Vertreter des Klerus, die Laiengremien und Dutzende von Pfarrgemeinden dem Kardinal seit Monaten in immer drastischerer Form zu verstehen geben, dann werden sie erkennen, dass die Krise im Erzbistum auch eine Krise der Leitung ist. Das Wort "Vertrauensverlust" ist nicht einfach nur so dahin gesagt, sondern bringt einen tiefen Bruch zwischen Basis und Bischof zum Ausdruck.

Vielleicht werfen die beiden Visitatoren auch einmal einen Blick auf die Flure des Kölner Amtsgerichts, wo die Austrittswilligen sich die Klinke in die Hand geben. Oder sie sprechen sogar mit denen, die der Kirche jetzt scharenweise den Rücken kehren. Darunter sind viele Männer und Frauen aus der Herzmitte der Gemeinden. Wer sie kennt mit ihrem Engagement, mit ihrer Bindung an die Kirche, ihrem tätigen Glauben – und wer jetzt ihre Enttäuschung, ihre Trauer und ihren Zorn erlebt, dem muss das Herz bluten.

Kardinal Woelki hat von einer Chance gesprochen: Die Visitatoren könnten mit ihrem Blick von außen wichtige Hinweise geben, was bei der Aufarbeitung "schief gelaufen" ist. Betroffene sexualisierter Gewalt und viele andere Menschen aus dem Erzbistum geben solche Hinweise seit Monaten. Doch sie haben das Gefühl, sie erreichen ihren Bischof nicht mehr. Vielleicht verstärken Kardinalspurpur und Bischofsviolett der beiden Besucher am Ende die Hörfähigkeit des Erzbischofs. Das wäre tatsächlich eine Form des "Beistands" für ihn. Ob die Visitatoren aber danach mit dem Vertrauen zum Papst fahren, dass es für Kardinal Woelki im Erzbistum Köln noch ein gutes Ende nehmen kann – das ist eine ganz andere Frage.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband alljährlich den Katholischen Medienpreis.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.