Ideale sind nie so eindeutig wie gedacht
Wertevorstellungen wollen gefüllt werden

Ideale sind nie so eindeutig wie gedacht

Spiritea - Werte und Ideale hat jeder und auf einige davon können sich auch viele Menschen einigen. Doch Ideale sind nicht immer nur schwarz-weiß, schreibt Schwester Jakoba Zöll – vielmehr müssen sie immer wieder auf den Alltag angewendet werden. Dabei spielt die innere Haltung eine große Rolle.

Von Schwester Jakoba Zöll |  Bonn - 10.06.2021

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Alles richtig machen, jede Entscheidung so treffen wollen, dass sie objektiv jeder verstehen kann, dass sie von allen Seiten wohl durchdacht und ethisch einwandfrei ist. Und wenn das nicht geht, sich klar dagegen entscheiden. Unsere Sehnsucht nach klaren Positionen und einfachen Entscheidungen zwischen richtig und falsch, gut und böse ist groß – und zumindest nach meinem Empfinden wächst sie noch. In allen Bereichen unseres Lebens sehnen wir uns danach, einwandfrei nach unseren Moral- und Wertvorstellungen zu handeln. Das wäre ja auch eine wunderbare Welt, in der unser Handeln immer gleich objektiv und moralisch für alle einsichtig abgeklärt wäre.

Aber können wir einem solchen Anspruch überhaupt gerecht werden? Oder bleiben wir nicht automatisch immer hinter unseren vielfältigen Idealen zurück und werden entweder handlungsunfähig oder flüchten uns in ein "für mich ist das so und für dich eben so"-Denken hinein? Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mir wird ständig und immer wieder neu bewusst, dass unsere Welt und unser Alltag niemals – oder sagen wir, höchst selten – schwarz-weiß ist. Es gibt eigentlich nie das klar und eindeutig formulierte Ideal, welches in jeder Lebenslage eine ja-nein-Entscheidung für uns treffen kann.

Trotzdem halten wir an Idealen fest, sind uns Wert- und Moralvorstellungen kostbar, grundsätzlich und gerade in Entscheidungsprozessen. Jedem von uns fallen sicher solche Richtwerte ein, die uns für unser eigenes Leben wichtig sind und an denen wir unser Handeln orientieren. Und gleichzeitig, zumindest geht es mir so, präsentieren meine Ideale und Wertvorstellungen nie einen vorgefertigten Handlungsweg. Ich selbst bin es, die in den konkreten Situationen abwägen muss, oft verschiedene Werte miteinander ins Gespräch bringen muss, meine Vorstellungen mit den Bedürfnissen anderer abgleichen muss und schlussendlich in jeder Situation neu eine Definition finden muss, etwa von Geduld oder Toleranz.

Es hängt von der Situation ab

Ich bin als Ordensfrau schon oft mit der Vorstellung konfrontiert worden, dass ich angeblich nach so klaren Regeln lebe, die keinerlei Interpretationspielraum bieten. Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam, Gemeinschaft, Nächstenliebe und so weiter. Da ist doch alles geklärt, oder? Weit gefehlt! Auch die in den Ordensregeln ausgedrückten gemeinsamen Wertevortellungen wollen und müssen von jeder und jedem Einzelnen gefüllt werden, grundsätzlich und dann immer wieder situationsabhängig neu.

Franz von Assisi bei der Vogelpredigt
Bild: © KNA

Eine der bekanntesten Legenden über Franz von Assisi ist die Vogelpredigt.

Da bin ich dankbar für zwei Geschichten, die von Franziskus von Assisi erzählt werden, die uns Mut machen können, diese Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit auszuhalten: Einmal wird erzählt, dass Franziskus, noch bevor er überhaupt eine Idee von Ordensleben hatte, einen intensiven Traum hatte. Da hat ihn nämlich eine Stimme gefragt, wem er eigentlich dienen will, dem Herrn oder dem Knecht? Und Franz antwortet ganz impulsiv, dass er natürlich dem Herrn folgen und dienen wolle. Die Stimme fragt ihn daraufhin, warum er dann so oft dem Knecht dienen würde. An diesem kurzen Traumdialog kann man gut sehen, dass Franz keine Kompromisse kennt, wenn es um seine Ideale, seine Gottesnachfolge geht. Das klingt eher so, als sei es in jeder Situation möglich zu erkennen, was dem Knecht und was dem Herrn dient, also was den eigenen Idealen entspricht und was nicht.

Doch eine weitere Geschichte revidiert diesen ersten Eindruck: Franz und seine Brüder werden in der Nacht wach, weil einer der Brüder jammert "Ich sterbe, ich sterbe vor Hunger!". Franziskus steht auf, weckt auch die noch schlafenden Brüder und deckt den Tisch. Sie essen gemeinsam so lange, bis der Bruder satt ist und ohne Qualen einschlafen kann. Hier wirft Franziskus das so streng und eindeutig klingende Ideal des Fastens und der Genügsamkeit über Bord, um einen seiner Brüder nicht zu beschämen und seinen Bedürfnissen nachzukommen. Trotz dieser Handlung wird wohl in dieser Situation niemand Franziskus Völlerei vorwerfen wollen, es ist eben grau und nicht schwarz-weiß. Er behält seine Ideale, aber lässt sie von der Wirklichkeit formen, misst sein Handeln nicht allein an steifen Idealvorstellungen, sondern daran, was die Liebe fordert, was zum Leben führt. Und das lässt sich eben nicht in zwei einfache Sätze fassen. Das muss sich immer wieder neu entscheiden, eben mitten im Leben.

Vielleicht kann uns Franz da Mut machen, einerseits unseren Idealen auf die Spur zu kommen und sie in unserem Handeln klar vor Augen zu haben, andererseits dem Lebensdienlichen, der Liebe, der Spontanität und dem immer-wieder-Neuen den Vorrang zu lassen. Gerade darin können wir unseren Idealen treu bleiben.

Von Schwester Jakoba Zöll

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