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Standpunkt

Papst Franziskus sollte in der Causa Marx weise entscheiden

Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx hat ein Beben in der Kirche ausgelöst. Jetzt stellt sich die Frage, wie es für den Münchner Erzbischof weitergeht, kommentiert Christoph Brüwer. Eine Ablehnung des Gesuchs könnte problematisch sein.

Von Christoph Brüwer |  Bonn - 08.06.2021

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"Ich bitte Sie deshalb sehr, diesen Verzicht anzunehmen": Mit diesen Worten hat Kardinal Reinhard Marx Papst Franziskus Ende Mai seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising angeboten – und mit der Veröffentlichung des Rücktrittsgesuchs am Freitag ein Beben in Deutschland und der Weltkirche ausgelöst. Neben Überraschung waren die öffentlichen Reaktionen vor allem von Respekt und Anerkennung für diesen Schritt geprägt.

Dass in den vergangenen Tagen vermehrt Kirchenvertreter darum bitten, Papst Franziskus möge Marx in seinem Amt als Erzbischof von München und Freising belassen, ist durchaus verständlich. Der Kardinal ist ein auch international hoch geachteter Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland. Einen geeigneten Nachfolger für ihn zu finden, dürfte alles andere als leicht werden.

Doch sollte der Papst dem Wunsch von Marx nicht nachkommen, würde er damit nicht nur die dringliche Bitte seines engen Vertrauten und Beraters ignorieren. In seinem Brief an den Pontifex bekennt der Münchner Erzbischof auch eine Mitverantwortung am Versagen der Institution Kirche bei der Missbrauchsaufarbeitung. "Ich glaube, eine Möglichkeit, diese Bereitschaft zur Verantwortung zum Ausdruck zu bringen, ist mein Amtsverzicht. So kann von mir vielleicht ein persönliches Zeichen gesetzt werden für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche, nicht nur in Deutschland", schreibt Marx.

Das Rücktrittsgesuch des Kardinals ist sicher keine impulsive Kurzschlussreaktion, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses des Nachdenkens. Mit seinem Amtsverzicht möchte Marx den Weg frei machen und einen Neuanfang ermöglichen. Der "tote Punkt" der Kirche soll zu einem "Wendepunkt" werden, wünscht er sich. Wenn nach diesem Schritt aber alles beim Alten bleibt, könnte damit auch dieses "persönliche Zeichen" und die Chance auf einen Neubeginn in der Kirche verpuffen. Er wolle zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums, schreibt Marx. Ob er diesen Auftrag weiterhin als Erzbischof von München und Freising erfüllen wird, kann letztendlich nur Papst Franziskus selbst bestimmen – und der sollte weise entscheiden. Der Veröffentlichung des Briefes jedenfalls hat er schon zugestimmt.

Von Christoph Brüwer

Der Autor

Christoph Brüwer ist Redakteur bei katholisch.de.

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