Minimalismus: Warum mich meine leere Wohnung glücklich macht
Leere Schränke, volles Herz – eine Antwort

Minimalismus: Warum mich meine leere Wohnung glücklich macht

Spiritea - Jeder Gegenstand im Besitz soll Freude bereiten, besagt die Marie-Kondo-Methode: Das gilt für Bücher genauso wie für Werkzeug. Redakteurin Melina Schütz kann mit dieser Einstellung nichts anfangen, Kollegin Meike Kohlhoff schon – eine Antwort.

Von Meike Kohlhoff |  Bonn - 14.06.2021

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

"Vor einiger Zeit berichtete meine Kollegin, dass sie ihren gesamten Haushalt nach der Marie-Kondo-Methode entrümpelt hat." Als ich diese Zeilen hier bei Spiritea gelesen habe, musste ich schmunzeln. Melina Schütz erzählt von einer Kollegin, die ausgemistet hat. Und sie erzählt, warum sie selbst wohl keine Minimalistin wird. Zu stressig sei es, sich fehlende Gegenstände zu leihen und das Abschaffen von Dingen sei eine Beschränkung. Es wird Zeit also Zeit, die Fahne für alle Minimalisten hochzuhalten, denn die ausmistende Kollegin, über die sie da schreibt, das bin ich.   

Tatsächlich habe ich vor eineinhalb Jahren – schon vor der Corona-Pandemie – ausgemistet. Und zwar richtig. Auch wenn ich nicht nachgezählt habe, kann ich gut und gerne behaupten, dass ich mich von circa 70 Prozent aller Dinge in meinem Besitz getrennt habe. Ich habe sie verkauft, verschenkt und was nicht mehr zu gebrauchen war, entsorgt. Bei jedem einzelnen Gegenstand habe ich mich gefragt, ob mich sein Besitz wirklich glücklich macht. Erinnerungsstück? Definitiv glücklich. Geschirr? Es sind kleine Blüten darauf abgebildet und ich kann davon meine geliebten Käsenudeln essen, also definitiv glücklich. Das Buch, das ich vor drei Jahren geschenkt bekommen habe, aber vom Thema nicht meins ist? Nicht glücklich.  

Beim Ausmisten habe ich gemerkt, wie viele Dinge ich eigentlich über die Jahre behalten habe, nur weil ich dachte, ich müsste sie behalten. Das schwarze T-Shirt mochte ich zwar eigentlich nicht mehr, aber man kann es vielleicht ja noch einmal gebrauchen – für Karneval oder so …  Ich brauchte es die ganzen sechs weiteren Jahre, die es danach noch in meinem Schrank verbrachte, nicht. Genauso verhielt es sich mit Geschenken: Die darf man schließlich nicht weggeben, oder? Die Marie-Kondo-Methode sagt: Man darf. Denn das Geschenk hat in dem Moment seinen Zweck erfüllt, in dem ich mich über die Geste gefreut habe.

"Ich habe das Gefühl, wieder besser atmen zu können."

Auch jetzt, fast eineinhalb Jahre nach der großen Entrümplung, sind meine Schränke von außen betrachtet ziemlich leer, doch für mich sind sie voller Glück. Denn endlich sehe ich, was ich liebe. Meine Lieblingsbuchreihe ging vorher im vollgestopften Bücherregal unter. Jetzt steht sie da ganz allein in der obersten Regalreihe und mein Blick fällt direkt auf sie und ruft all die Erinnerungen wach, die ich mit den Geschichten verbinde. Ich frage mich nicht mehr, was ich morgens anziehen soll, denn so viel Auswahl gibt es je nach Wetterlage nicht mehr. Außerdem mag ich sowieso jedes Kleidungsstück in meinem Schrank, also ist es auch egal. Es klingt vielleicht übertrieben, aber tatsächlich habe ich das Gefühl, in den leeren Räumen meiner Wohnung wieder besser atmen zu können. Ich behalte weiterhin auch nur, was mir wirklich Freude bereitet. 

Meine Kollegin Melina schreibt in ihrem Artikel, dass man manchmal auch Dinge behalten müsse, die einem keine Freude bereiten, zum Beispiel einen Akkuschrauber. Ein Akkuschrauber kann tatsächlich auch bei Nicht-Hobbyhandwerkern ein Glücksgefühl auslösen: Schließlich kann man mit ihm schöne neue Möbelstücke für die Wohnung aufbauen. In diesem Fall löst nicht der Akkuschrauber selbst das gute Gefühl aus, sondern das, was ich damit erschaffen kann. Es kommt auf die Betrachtungsweise an, wenn man überlegt, ob ein Gegenstand ein Glücksgefühl auslöst. Auch Gegenstände des täglichen Bedarfs können glücklich machen, weil sie einem in einer bestimmten Lebenslage helfen. Ich selbst habe tatsächlich noch nie einen Akkuschrauber besessen und glaube auch nicht, dass mich persönlich sein Besitz bereichern würde. Aber wenn ich mal einen Akkuschrauber brauche, weiß ich ja jetzt, bei welcher Kollegin ich ihn ausleihen kann. 

Von Meike Kohlhoff

Mehr von Spiritea

Entdecke mehr spirituelle Texte für eine Teelänge!

Hier gibt es unsere Rubriken:

Innere Ruhe

Spiritualität

Gutes Leben

Und hier geht es zur Spiritea-Facebook-Gruppe