Hellgraues Priesterhemd mit eingestecktem Collar
Brief an Gläubige, um Gesprächskultur zu verbessern

Priesterrat: Im Erzbistum herrschte "Schockstarre" wegen Heße-Auszeit

Nach dem angebotenen Amtsverzicht von Erzbischof Stefan Heße sei "eine merkwürdige Stille" eingetreten, schreibt der Hamburger Priesterrat. Die Geistlichen übernehmen in ihrem Brief auch selbst Verantwortung für die Aufarbeitung von Machtmissbrauch.

Hamburg - 10.06.2021

Der Priesterrat im Erzbistum Hamburg möchte nach einer ersten "Schockstarre" nach dem im März angebotenen Amtsverzicht von Erzbischof Stefan Heße die Gesprächskultur in der Erzdiözese verbessern. "Wir wollen aus unserem eigenen Wahrnehmen und Nachdenken Stellung beziehen und zum Austausch einladen. Wir möchten zu einem Kulturwandel beitragen, der die ganze Organisation weiterbringt – so gut wir es eben können", heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten Brief. Die Priester wollen sich nach eigenen Angaben "als lernendes System verstehen".

In einem Brief hätten sie Heße Dank für seinen Einsatz und Respekt für den "schmerzlichen Schritt zur Übernahme seiner persönlichen Verantwortung" ausgesprochen. "Wir wissen, dass wir genauso wie er Verantwortung für die Aufarbeitung des Machtmissbrauchs übernehmen müssen", so die Priester. "Im Gebet sind und bleiben wir ihm verbunden." Zudem hätten sie Nuntius Nikola Eterovic ebenfalls einen Brief geschrieben, um ihn "um ein Gespräch über die aktuelle Situation in unserem Erzbistum zu bitten und um Fragen der Zukunft mit ihm anzusprechen".

Eine "völlig neue und unbekannte Situation"

Erzbischof Heße hatte nach der Veröffentlichung des Gutachtens über den Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln am 18. März Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten und um die sofortige Entpflichtung von seinem Amt gebeten. Der Papst hatte ihm daraufhin eine Auszeit gewährt, das Rücktrittsangebot vorerst aber nicht angenommen. Seit dem angebotenen Amtsverzicht herrsche "in unserem Erzbistum Hamburg eine merkwürdige Stille", heißt es im Brief des Priesterrats. Es sei eine "völlig neue und unbekannte Situation entstanden".

Bisher liegt keine Entscheidung des Papstes über das Rücktrittsgesuch von Heße vor. Generalvikar Ansgar Thim verwaltet in seiner Abwesenheit die Erzdiözese. Heße ist seit 2015 Erzbischof von Hamburg. Zuvor war er ab 2006 Personalchef und von 2012 bis 2015 Generalvikar im Erzbistum Köln. Insgesamt werden ihm im Kölner Missbrauchsgutachten elf Pflichtverletzungen vorgeworfen. Die Untersuchung möglicher Fehler Heßes im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester im Erzbistum Köln ist auch Teil der Apostolischen Visitation durch den Stockholmer Kardinal Anders Arborelius und den Rotterdamer Bischof Hans van den Hende. (cbr)