Österlicher Neuanfang nach der Krise? Der Papstbrief an Kardinal Marx
Warum Franziskus weiter auf den Münchner Erzbischof setzt

Österlicher Neuanfang nach der Krise? Der Papstbrief an Kardinal Marx

Es ist ein Vertrauensbeweis für Kardinal Marx: Franziskus hat das Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs nicht angenommen. In einem persönlichen Brief schreibt der Papst, wie er sich Verantwortung bei seinen Bischöfen vorstellt. Doch das Schreiben weist auch Leerstellen auf. Eine Analyse.

Von Felix Neumann |  Bonn - 11.06.2021

Manchmal mahlen die römischen Mühlen schnell. Nicht einmal einen Monat hat die Antwort von Papst Franziskus auf das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx als Erzbischof von München und Freising gedauert, keine Woche ist vergangen, seit es öffentlich geworden ist, und vor allem: während die Rücktrittsgesuche der Kölner Weihbischöfe und des Hamburger Erzbischofs noch ohne abschließende Antwort sind und das wohl mindestens noch so lange bleiben werden, bis die Apostolische Visitation in Köln abgeschlossen und ausgewertet ist.

Marx’ auf den 21. Mai datiertes Schreiben, das er dem Papst höchstpersönlich und unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit übergeben hatte (das tägliche Bollettino des Presseamtes des Heiligen Stuhls verzeichnet im Mai keine dem Kardinal gewährte Audienz), war persönlich und doch ernst und formal abgefasst, adressiert an "Seine Heiligkeit Papst Franziskus", respektvoll und im deutschen Original per Sie. Das auf den 10. Juni datierte und am selben Tag veröffentlichte Schreiben des Papstes schlägt einen ganz anderen Ton an: Die Originalsprache ist Spanisch, die Muttersprache von Franziskus, die ihm viel näher ist als das Italienische seiner Vorfahren und der Bürokratie des Vatikans, er richtet den Brief an den "lieben Bruder", schließt "mit brüderlicher Zuwendung" und verwendet die vertraute Form, die dem deutschen Duzen entspricht.

Schon aus der sprachlichen Form und der Geschwindigkeit wird klar: Hier wird Marx das Vertrauen ausgesprochen – persönlich für den von Papst Franziskus als mutig gewürdigten Schritt. "Es ist ein christlicher Mut, der sich nicht vor dem Kreuz fürchtet, und der keine Angst davor hat, sich angesichts der schrecklichen Wirklichkeit der Sünde zu erniedrigen", schreibt der Papst mit einem Vergleich, den er nicht höher hängen könnte: Er verweist auf den Philipperhymnus. "Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht", beginnt dieser. "Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave", heißt es dort über Christus, "er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod".

Kein "toter Punkt" im Papstbrief

Die persönliche Bekehrung und der Ausgang der Reform von der eigenen Umkehr her ist ein zentrales Motiv von Papst Franziskus, das er auch in diesem Brief in den Mittelpunkt stellt und in dem er auch den zentralen Ansatzpunkt sieht, um mit der Krise umzugehen. Marx’ Bild der Kirche, die an einem "toten Punkt" ist, ein Zitat des Jesuiten Alfred Delp, greift der Papst dabei nicht direkt auf. Für Marx war der tote Punkt zugleich in "österlicher Hoffnung" ein möglicher "Wendepunkt". Dieses österliche Bild vom Neuanfang ist es, das Franziskus aufgreift: "Die Vogel-Strauß-Politik hilft nicht weiter, und die Krise muss von unserem österlichen Glauben her angenommen werden", heißt es in dem Brief.

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Sehr deutlich schildert der Brief an Marx, wo die Kirche aufgrund "der traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs" und des Umgangs damit (zumindest des Umgangs "bis vor kurzem") steht. Zentrales Ziel ist für den Papst, sich der eigenen “Heuchelei” bewusst zu werden; damit greift er wohl die von Marx geschilderte persönliche Bewegung hin zum Eingeständnis von persönlicher (Mit-)Verantwortung auf, die dieser noch vor wenigen Jahren mit einem kurzen, konsternierten "Nein" für alle deutschen Bischöfe zurückgewiesen hatte.

Der Papst stimmt Marx in der Diagnose zu, dass die Kirche zu lange geschwiegen hat: "Das Schweigen, die Unterlassungen, das übertriebene Gewicht, das dem Ansehen der Institutionen eingeräumt wurde – all das führt nur zum persönlichen und geschichtlichen Fiasko; es führt uns dazu, dass wir mit der Last leben, – wie die Redewendung sagt – 'Skelette im Schrank zu haben'." Die Realität des Missbrauchs und der Umgang damit sei zu "ventilieren", Rettung gibt es nur in Christus: "Es sind nicht die Untersuchungen, die uns retten werden, und auch nicht die Macht der Institutionen. Uns wird nicht das Prestige unserer Kirche retten, die dazu neigt, ihre Sünden zu verheimlichen. Uns wird nicht die Macht des Geldes retten und auch nicht die Meinung der Medien (oft sind wir von ihnen allzu abhängig)."

Im Kern ist der Brief des Papstes eine spirituelle Meditation über die Umkehr des Sünders, der sich von Christus berühren und bekehren lässt – meisterhaft komponiert, in einer lebendigen und mitreißenden Sprache, nach dem erzbischöflichen Karsamstag ein päpstliches Ostern.

Es bleiben Leerstellen

Eine derartige spirituelle Heroisierung des Rücktrittsgesuchs und die Rehabilitierung in seiner Ablehnung lässt aber auch Leerstellen. Zwar wird vom Missbrauch geredet – aber unpersönlich. Die Betroffenen kommen in diesem Brief nicht vor. Viel ist von der Krise der Kirche die Rede, die anzunehmen sei, der man sich auszusetzen habe. Die Krise, in die die Kirche und ihre Verantwortlichen ihre Opfer gezwungen haben, bleibt unausgesprochen. Am Anfang vergleich der Papst den Kardinal über den Philipperhymnus mit Christus, am Ende führt er noch einmal Jesus an, der Petrus heißt, seine Schafe zu weiden, so wie er selbst den Erzbischof heißt, weiter pastoral als Erzbischof zu wirken. Der Wille, Christus ähnlich zu werden, birgt die Gefahr der Hybris, einer allzu stolzen Überidentifikation mit der Selbstlosigkeit Christi. Und was sich nun mit dem Schuldeingeständnis und den offenen Armen des Papstes geändert hat, ist auch nicht klar.

Weiterhin ungeklärt ist auch nach dem Schreiben die Position des Papstes zu Inhalt und Gestalt der notwendigen Reformen, die Marx in seinem Schreiben deutlich angemahnt und konkret mit dem Synodalen Weg identifiziert hatte: "Ein Wendepunkt aus dieser Krise kann aus meiner Sicht nur ein 'synodaler Weg' sein, ein Weg, der wirklich die 'Unterscheidung der Geister' ermöglicht, wie Sie es ja immer wieder betonen und in Ihrem Brief an die Kirche in Deutschland unterstrichen haben", verknüpfte Marx den deutschen Weg mit dem typischen Franziskus-Motiv der jesuitischen "Unterscheidung der Geister".

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Schon in seinem programmatischen ersten großen Schreiben "Evangelii Gaudium" (2013) hatte Franziskus zu Beginn seines Pontifikats einige Interpretationsschlüssel zu seinem Denken bereitgestellt. "Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee", lautet einer davon, der jetzt auch im aktuellen Brief aufgegriffen wird. "Die Idee – die begriffliche Ausarbeitung – dient dazu, die Wirklichkeit zu erfassen, zu verstehen und zu lenken. Die von der Wirklichkeit losgelöste Idee ruft wirkungslose Idealismen und Nominalismen hervor, die höchstens klassifizieren oder definieren, aber kein persönliches Engagement hervorrufen", hieß es 2013, und diesen Gedanken nimmt Papst Franziskus auch 2021 immer noch auf: "Die persönliche, soziale und geschichtliche Realität ist konkret. Es genügt nicht, sie nur mithilfe von Ideen anzunehmen." Die Wirklichkeit "muss immer angenommen werden und braucht Unterscheidung", betont Franziskus.

Das ist auf der einen Seite ein klares Plädoyer für eine schonungslose Benennung der Versäumnisse: annehmen, was ist, und daraus Schlüsse zu ziehen – den sozialethischen Dreischritt "Sehen – Urteilen – Handeln" in genau dieser Reihenfolge zu lassen, und nicht ideologisch das Urteilen vor das Sehen zu setzen. Im aktuellen Brief wendet sich Franziskus gegen "Soziologismen und Psychologismen", die nicht hilfreich seien – ausgeführt werden diese Begriffe nicht. In "Evangelii Gaudium" spricht er von einer rein soziologischen Sicht, "die den Anspruch erhebt, die ganze Wirklichkeit mit ihrer Methodologie in einer nur hypothetisch neutralen und unpersönlichen Weise zu umfassen": Soziologismen als ideologischer Überbau, der die Sicht auf die Wirklichkeit verstellt statt erhellt. Als Gegenbegriff zur Herangehensweise aus dem Glauben heraus schwingt in der Formulierung aber auch eine Kritik mit, die die Rezeption von human- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen in der kirchlichen Reformdebatte unter Zeitgeistverdacht stellt – also genau das, was gegen den Synodalen Weg und seine Befassung mit Klerikalismus, Macht, Sexualität und Geschlechtergerechtigkeit vorgebracht wird.

Die Bedeutung der Evangelisierung

Schon in seinem Brief "an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" zu Beginn des Synodalen Wegs, der von den Verantwortlichen des Reformprozesses als Ermutigung statt als Einhegung der reformerischen Blütenträume verstanden wurde, gab es diesen Gegensatz. Wichtiger als "struktureller, organisatorischer oder funktionaler Wandel" sei die Evangelisierung. Eine der größten Versuchungen bestehe darin, "zu glauben, dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen sei, dass diese aber schlussendlich in keiner Weise die vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen”.

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So macht es jetzt auch hellhörig, wenn der Papst den Gegensatz von nötiger "Reform" und "Reformation" aufwirft: Der Herr habe sich niemals auf eine "Reformation" eingelassen, schreibt Franziskus, "weder auf das Projekt der Pharisäer, noch auf das der Sadduzäer, der Zeloten oder der Essener" – wie weit für das Verständnis dieses Bildes eine Kenntnis des antiken Judentums und seiner Debatten um den Umgang mit dem Gesetz Gottes und dem Leben nach der Zerstörung des Tempels wirklich relevant ist, ist wie oft bei Franziskus fraglich; auch Begriffe wie "Pelagianismus" benutzt er eher als glaubensgeschichtliche Metaphern denn als klare religionswissenschaftliche Abgrenzung. Wichtig dürfte hier sein: Franziskus ruft Gruppen auf, die dem Klischee nach wegen ihres Eifers für einen toten Buchstabenglauben und seine sophistische Interpretation bekannt sind statt für einen inkarnatorischen Glauben, der aus dem Leben und der Umkehr heraus wirkt.

Eindeutig und explizit ist: Das Rücktrittsgesuch von Marx ist für Franziskus ein Beispiel von Reform, nicht von "Reformation", und mit der großen Wertschätzung und Würdigung ist es den Protagonisten des Synodalen Wegs nicht zu verdenken, wenn sie den persönlichen Rückenwind auch für Rückenwind in den Segeln des Synodalen Wegs wahrnehmen. Zugleich hat Franziskus aber auch den Skeptikern und Kritikern Stoff geliefert: Die Rede von "Soziologismen" und "Psychologismen", der Gegensatz von echter "Reform" und falscher "Reformation" dürften in den argumentativen Werkzeugkasten der Kritiker ebenso eingehen wie der Brief aus 2019.

Völlig offen ist weiterhin, wie sich das nun abgelehnte Rücktrittsangebot in der kirchlichen Gesamtgemengelage vor allem mit Blick auf die Kölner Visitation auswirken wird. Mit den eindeutigen Bezügen im Rücktrittsgesuch auf die Situation dort und Marx' Kritik an dem Glauben, eine juristische Aufarbeitung allein genüge, wurde das Rücktrittsangebot auch als Fingerzeig verstanden: Sieh her, Bruder, so geht es auch. Ob der Münchner Kardinal selbst mit so einer schnellen Entscheidung gerechnet hat, nachdem sein Hamburger Amtsbruder nun schon seit Wochen im Schwebezustand ist? Papst Franziskus hat sich nicht darauf eingelassen, in der Kölner Entscheidung auch noch den Fall München offenzuhalten, und hat schnell und souverän entschieden. Zugleich hat er auf die Vorlage von Marx hin ein Exempel statuiert, wie er sich Verantwortung vorstellt, und wie er seine väterliche Verantwortung wahrnehmen will. Auch daran kann nun kein Bischof mehr vorbei.

Von Felix Neumann