Kardinal Reinhard Marx und Papst Franziskus geben sich die Hand
Worte von Franziskus richteten sich auch an andere Bischöfe

Theologe zu Papst-Brief an Marx: Keine Flucht mehr vor "Katastrophe"

Papst Franziskus belässt Kardinal Marx im Amt: Damit signalisiert er allen Bischöfen, dass aufgrund der Katastrophe, die der sexuelle Missbrauch in der Kirche ausgelöst hat, keine "Flucht" mehr möglich sei, betont der Theologe Hans-Joachim Sander.

Salzburg - 11.06.2021

Nach Einschätzung des Salzburger Dogmatikers Hans-Joachim Sander zeigt die Ablehnung des Rücktrittsangebots von Kardinal Reinhard Marx durch Papst Franziskus, dass in der Kirche niemand mehr der Konfrontation mit der durch den Missbrauchsskandal ausgelösten Katastrophe aus dem Weg gehen könne. "Flucht vor der Katastrophe ist nicht möglich, auch nicht die Flucht in vorbereitete Katastrophenpläne", schreibt der Theologe in einer Stellungnahme, die katholisch.de vorliegt. Franziskus sage Marx, dass er nicht "zu einem besseren Platz fliehen" dürfe. Stattdessen solle er "mit seinen eigenen Verfehlungen und seinem eigenen Schuldanteil auf der Schulter das Leid lindern, das die Katastrophe auslöst". Diese Worte träfen ebenso Marx' Bischofskollegen, auch über Deutschland hinaus, so Sander. Gleichzeitig seien "alle glaubwürdig lebenden und arbeitenden Menschen" in der Kirche davon betroffen.

Sander wies auf die Aussagen von Franziskus hin, der in seinem Brief an Kardinal Marx betont hatte, "dass wir es mit einer Katastrophe zu tun haben: der traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit bis vor Kurzem umgegangen ist". Sich der "Heuchelei in der Art, den Glauben zu leben", bewusst zu werden, "ist eine Gnade und ein erster Schritt, den wir gehen müssen", so der Pontifex. Diese Worte legen laut dem Dogmatiker drei Dimensionen der Kirchenkrise frei, die miteinander verstärkend zusammenhingen: "Zunächst einmal ist der sexuelle Missbrauch der Kirche eine Katastrophe, dann ist unverschämte Heuchelei in ihr über den Glauben eine Katastrophe und schließlich muss drittens entschieden in diese Katastrophe hineingegangen werden, weil jeder andere Umgang damit gnadenlos wäre."

Betroffene in den Mittelpunkt stellen

Als erster Schritt aus der Katastrophe bleibe "nur mehr zu retten, was zu retten ist", schreibt Sander weiter. Das betreffe vor allem die Betroffenen des sexuellen Missbrauchs. "Sie kann man nicht mehr davor bewahren, dass die Katastrophe sie so sehr getroffen hat, aber man muss und man kann sie in den Mittelpunkt des Geschehens stellen." Bei diesem Thema bestehe "offenkundig" weiterhin Nachholbedarf, unterstreicht der Theologe. Zugleich müsse die Kirche entschieden das aufgeben, was nicht mehr zu retten sei. "Nur Heucheleien über die Katastrophe bevorzugen weiterhin, was definitiv zerbrochen ist und was völlig nebensächlich ist", so Sander. Erst im Anschluss daran könne man sich mit Aufräumarbeiten und der Frage beschäftigen, wie es weitergehe. "Aber diese Phase ist für die katholische Kirche noch nicht, meines Erachtens noch längst nicht erreicht."

Kardinal Marx hatte dem Papst in einem Brief, der am vergangenen Freitag bekannt wurde, seinen Rückzug angeboten. Darin schrieb der Münchner Erzbischof: "Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten." Auch Kardinal Marx wird in seiner Zeit als Bischof von Trier Fehlverhalten im Umgang mit möglichen Missbrauchsfällen vorgeworfen. Papst Franziskus forderte nun Marx auf, weiter im Amt zu bleiben. "Das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising", schreibt der Papst in einem dreiseitigen Brief an Marx, den der Vatikan am Donnerstag veröffentlichte. In einer ersten Reaktion zeigte Marx sich von der Entscheidung des Kirchenoberhaupts überrascht und bezeichnete sie als "große Herausforderung". Er wolle "nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen", so der Münchner Erzbischof. Dies könne "nicht der Weg für mich und auch nicht für das Erzbistum sein". (mal)