Eine fromme Nonne und ein umstrittener Missionar

Von Valldemossa nach Pollença: Eine spirituelle Reise durch Mallorca

Aktualisiert am 19.06.2021  –  Lesedauer: 

Palma ‐ Mallorca gehört zu den beliebtesten Urlaubszielen der Deutschen. Doch neben Stränden, Sonne und Natur gibt es dort auch einige spannende Spuren religiösen Lebens zu entdecken – und zwei ganz unterschiedliche Heilige.

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Wer die engen und oft verwunschen daherkommenden Straßen des kleinen Ortes Valldemossa in den mallorquinischen Bergen entlanggeht, kann sie nicht übersehen: An vielen Häusern finden sich kleine, bunt bemalte Kacheln. "Santa Catalina Thomas, pregau per nosaltres" steht oft darauf, "Heilige Catalina Thomas, bitte für uns". Dargestellt ist eine Nonne, mal umgeben von Engeln, mal einsam betend in der Natur. Dass der kleine Ort auf der bei Deutschen beliebten Urlaubsinsel derart von Catalina Thomas geprägt ist, hat einen einfachen Grund: Die einzige Heilige der Insel stammt von hier. Catalina Thomas wurde 1531 in Valldemossa geboren und fiel schon als junges Mädchen durch ihre Frömmigkeit auf – unter anderem baute sie mit eigener Hand einen Altar auf einem Feld. Dort sollen sich Wunder und Visionen ereignet haben, die junge Frau aber auch Versuchungen durchgestanden haben. Später trat sie mit Hilfe eines Gönners den Augustiner-Chorfrauen in Palma bei. In diesem Kloster starb sie 1574. 1792 wurde sie selig-, 1930 heiliggesprochen.

In Valldemossa ist ihr, neben den zahlreichen Kacheln, in ihrem Geburtshaus ein Denkmal gesetzt. Dort ist eine kleine Kapelle eingerichtet, die von einer Figur der Heiligen Katharina von Palma (wie sie auch genannt wird) dominiert wird. Wie die meisten Häuser des Ortes ist die Kapelle klein, eng und unprätentiös: Es gibt nur zwei Bänke, einen Altar und die Möglichkeit, eine Kerze zu entzünden. Das spiegelt sich auch im Äußeren des kleinen Gotteshauses wider. Die Kapelle schmiegt sich beinahe unerkannt in die Häuserzeile, nur ein Gedenkstein und Hinweisschilder geben über die Geschichte des Hauses Auskunft. Einmal im Jahr ist aber gleich das ganze Dorf durch die Heilige geprägt: Am 28. Juli wird ihr zu Ehren ein großes Fest gefeiert, und die Straßen Valldemossas geschmückt.

Bild: ©katholisch.de/cph

Eine der vielen Kacheln in Valldemossa

Neben der Heiligen Catalina Thomas kann Valldemossa noch mit einer alten Kartause aufwarten: Im aufgehobenen Kloster verbrachten die Schriftstellerin George Sand und der Komponist Frédéric Chopin, ihr Lebensgefährte, den Winter 1838/39. Obwohl die Anlage mit der burgartigen Klosteranlage und dem rondellartig angelegten Garten heute sehr malerisch daherkommt, war dem Paar kein schöner Aufenthalt gewährt: Die Zellen der Kartause waren sehr kalt und die Mallorquiner waren gegenüber dem unverheirateten Paar sehr distanziert.

Die Kathedrale am Meer

Der sicher bedeutendste Kirchenbau der Insel steht in der Hauptstadt Palma. Wie herausgeschält aus dem engen Geflecht der trubeligen Gassen und kleinen Plätze thront sie an der Küste mit freier Sicht auf das Mittelmeer: Die der heiligen Maria geweihte Kathedrale "La Seu" (der Bischofssitz) wurde auf dem Gelände einer zu diesem Zweck abgerissenen Moschee im 13. Jahrhundert begonnen, der Baukörper der Kirche ist von gotischen Formen geprägt. In der viele Jahrhunderte langen Geschichte des Gebäudes haben unterschiedliche Stile hier ihren Niederschlag gefunden: Renaissancearbeiten, barocke Altäre und eine klassizistische Taufkapelle sind in der Kirche zu finden. Den Altarraum gestaltete zu Beginn des 20. Jahrhunderts der weltberühmte katalanische Architekt Antoni Gaudí in Jugendstilformen neu – und sogar das 21. Jahrhundert hat einen prominenten Platz: Seit 2007 wird die Kapelle der rechten Apsis von einer überlebensgroßen Keramik des mallorquinischen Künstlers und documenta-Teilnehmers Miquel Barceló geprägt.

Bild: ©katholisch.de/cph

Die Rosette bestimmt den Innenraum der Kathedrale in Palma

Trotz des sehr abwechslungsreichen Stilmixes bieten die hohen Gewölbe der Kirche eine sehr meditative Atmosphäre, die nicht zuletzt durch das Lichtspiel der besonderen Fenster entsteht. Denn mehrere große runde Fenster in luftiger Höhe lassen von Bleiglas farbig gefiltertes Licht in den Raum, besonders eindrucksvoll ist die Rosette über Gaudís Presbyterium: Das Rundfenster ist eines der größten (manche sagen auch: das Größte) seiner Art und besticht durch seine besondere Gestaltung. Während die anderen Rosetten durch auf das Zentrum des Fensters hinstrebende Linien geprägt sind, ist das unterteilende Element dieses Fensters ein Davidstern, der sich in Gestalt blumenartiger, wie einem Kaleidoskop entsprungener Muster in rot, gelb und blau auf der gesamten Glasfläche wiederfindet. Von hier aus leuchtet die Sonne durch die ganze Kathedrale.

"La Seu" ist mit dem angrenzenden Almudaina-Palast ein städtebaulicher Solitär in Palma: Nach ihr kommt nur noch das Meer. Vom Schiff wie vom Flugzeug aus deutlich sichtbar grüßt sie sie Ankommenden auf der Insel.

365 Stufen hinauf

Ebenfalls exponiert, aber deutlich weniger prägnant ist die Kapelle auf dem Kalvarienberg in Pollença im Osten Mallorcas. Der Impuls zum Bau einer Kapelle war die Steinfigur der Muttergottes unter dem Kreuz, die Ende des 15. Jahrhunderts auf die Insel kam und die einzige gotische Figur dort ist. Bald baute man für die Skulptur eine Kapelle, der heutige Bau stammt aus der Barockzeit und wurde Ende des 18. Jahrhunderts fertiggestellt. Die schlichte Kapelle erhält ihre Wirkung vor allem durch die Umgebung: Denn seit etwas über hundert Jahren führt eine große Freitreppe aus dem Ortskern auf den Hügel hinauf. Symbolisch sollen die 365 Stufen für die Tage des Jahres stehen, beim Aufstieg sollen die Pilger das vergangene Jahr reflektieren, beim Rückweg Vorsätze für das kommende Jahr fassen. Belohnt wird die innere wie äußere Reise auf den Berg – es sind gefühlt deutlich mehr als 365 Stufen – mit einem eindrucksvollen Ausblick auf die hügelige Landschaft hinweg über den von Zypressen und Kakteen gesäumten Weg. Oben wartet dann die schlichte (und vor allem bei Sommertemperaturen erfrischend kühle) Kapelle, in der immer noch die Figur aus dem Mittelalter steht. Eine besondere Rolle spielen Weg und Kapelle wie an vielen anderen Orten dieser Art an Karfreitag: Dann zieht eine Prozession von der Kapelle hinunter in die Pfarrkirche. Besonders an warmen Tagen ist die Kapelle ein meditativer Ort ohne viel Publikum, in dem Besucher sich geistig stärken können – in einem kleinen Café nebenan kann dann die körperliche Stärkung folgen.

Bild: ©katholisch.de/cph

Die gotische Figur in der Kapelle auf dem Kalvarienberg in Pollença.

Etwa eine Dreiviertelstunde mit dem Auto entfernt von Pollença liegt das sehr verschlafene Petra, die Heimat eines weltweit bekannten, aber zunehmend kritisch gesehenen Mallorquiners: Junípero Serra. Der 1713 in Petra geborene Franziskaner ging in die Mission ins damals zu Neuspanien gehörende Kalifornien und gilt als Gründer unter anderem der Städte San Francisco und San Diego, seit 1988 ist er ein Seliger, seit 2015 ein Heiliger der katholischen Kirche. Viele der von ihm in Kalifornien gegründeten Missionen tragen die Namen von Heiligen, denen Seitenaltäre in der Pfarrkirche von Petra geweiht sind. Viele Jahre zog der Ort zahlreiche Touristen wegen des Franziskaners aus dem 18. Jahrhundert an. In den vergangenen Jahren wurde aber auch Kritik an Serra lauter: Er soll zehntausende amerikanische Ureinwohner zwangsmissioniert und gefangen gehalten haben. Dabei habe er dafür sorgen wollen, ihre Sprache und Kultur auszulöschen. Tausende Menschen wandten sich deshalb schon mit einer Petition gegen seine Heiligsprechung, im Zuge der "Black Lives Matter"-Proteste wurden mehrere Standbilder von ihm in den USA von ihren Sockeln gestoßen oder deren Entfernung beschlossen.

Mal ein umstrittener, zupackender Missionar, dort die in sich gekehrte Nonne: Neben Stränden, azurblauem Meer und einzigartig geformten Felsen lassen sich auf Mallorca zahlreiche ganz unterschiedliche Beispiele einer langen religiösen Tradition entdecken, die bis in die heutige Zeit reicht. Der Glaube hat auf der Insel seine Spuren hinterlassen, die auch interessierten Besuchern einige Momente der Einkehr spenden können.

Von Christoph Paul Hartmann