Eine Szene aus "Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes" (1981)
Warum die Abenteuerreihe trotz aller Mängel weiter fasziniert

Er fand die Bundeslade und den Heiligen Gral: 40 Jahre "Indiana Jones"

Der Mann mit Hut und Peitsche, den Steven Spielberg 1981 in "Jäger des verlorenen Schatzes" erstmals verwegene Abenteuer erleben ließ, wird 40 Jahre alt. Doch gehört er nicht längst ins Museum? Revision einer Ikone der Popkultur.

Von Lucas Barwenczik (KNA) |  Bonn - 12.06.2021

Im Juni 1981 ging der Archäologe und Abenteurer Indiana Jones, gespielt von Harrison Ford, erstmals auf die Suche nach einem magischen Artefakt; vier Jahrzehnte später ist der Mann mit Hut und Peitsche immer noch eine populäre Ikone. Teil 5 soll 2022 starten.

"Ein passendes Ende für die Bestrebungen ihres Lebens. Sie werden diesen Fund dauerhaft ergänzen. In tausend Jahren sind vielleicht selbst Sie etwas wert." So spottet einer von Indiana Jones' zahllosen Widersachern in "Jäger des verlorenen Schatzes" (1981), kurz bevor er den Archäologen und Abenteurer in einer Gruft zurücklässt. Natürlich entkommt der Held diesem düsteren Schicksal. Ihn erwarten noch zahllose Abenteuer.

Und dennoch ist der große Jäger archäologischer Kostbarkeiten, wie von seinem Gegenspieler vorhergesagt, selbst längst zum Artefakt geworden. Nicht erst ein Jahrtausend, sondern nicht mal 40 Jahre haben ausgereicht, aus ihm eine Ikone zu machen. Er ist eine dieser Figuren der Popkultur, die man schon an der Silhouette erkennt. Mensch und Symbol gleichermaßen. Schon im ersten Film zeigte ihn Regisseur Steven Spielberg immer wieder als unverkennbaren Schattenriss mit Hut und Peitsche.

Multiplex trifft Mega-Church

Man kann sich vorstellen, wie dieser überlebensgroß gezeichnete Held in steinernen Tempeln als Gottheit verehrt wird, aber auch, wie warnende Inschriften in einer alten Pagode ihn zum finsteren Teufel erklären. Noch heute scharen sich die Fans um ihren großen Schatz wie die Ureinwohner aus dem ersten Film, verteidigen diese goldene Götzenfigur mit Speeren und zornigen Rufen.

Zu "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" schrieb eine Kritikerin treffend: "In den 1920er- und 1930er-Jahren sprach man von Kunst als Ersatz für Religion; heute sind B-Movies ein Ersatz für Religion." Und natürlich sind die heutigen Blockbuster gewaltig aufgeblähte B-Filme – Multiplex trifft Mega-Church.

Man muss wohl nicht mehr detailliert nacherzählen, worum es in den vier zwischen 1981 und 2008 veröffentlichten Filmen geht. Es ist ja auch immer dieselbe Geschichte, minimal variiert. Ein Schatz, der nicht in die falschen Hände fallen darf: erst die Bundeslade, dann die Shankara-Steine, der Heilige Gral und zuletzt ein mystischer Kristallschädel. Auf dem Weg dorthin: Feinde und Begleiter, Fallen, Verfolgungsjagden, Exotisches.

Wenn angsteinflößende Gruselnonnen und Dämonen ihr Unwesen treiben

Bizarre Grimassen, Spinnweben als Deko: Zu Halloween geht es traditionell wohlig-gruselig zu – so wie auch in manchen Horrorfilmen. Sie bedienen sich gerne christlicher Motive. Eines ist dabei besonders beliebt.

Jones braucht dringend Nazis, Kommunisten und irrsinnige Blutpriester, um im Kontrast zu ihnen als Held zu glänzen. Seine Feinde werden von Rotoren zerfetzt, zerquetscht, gesprengt, zermalmt, von Krokodilen und Ameisen gefressen, erschossen, mit Grillspießen erstochen, erhängt und in Alien-Portale gesaugt. Wohldosierte Grausamkeiten. Das verbindet Spielberg mit Walt Disney: Ein klares Bewusstsein dafür, dass gerade die vermeintlich harmlose Familienunterhaltung oft das Abgründige und Schockierende braucht.

Jahrzehntelang galt der Regisseur aus Cincinnati einem erheblichen Teil der Filmkritik als eine Art Antichrist. Die Dekade des düsteren, zornigen New Hollywoods war vorbei und Wellen von aggressiv-sorglosem Spielzeugkino spülten über die Leinwände. Filmemacher wie George Lucas und Steven Spielberg galten als Rückschritt mit Ansage, Wegbereiter und wichtige Figuren des Reagan-Kinos.

Man kann immer nur spekulieren, aber es ist nicht abwegig anzunehmen, dass bestimmte Bilder und Klischees ohne den Welterfolg von Indiana Jones heute nicht denselben Resonanzraum in der Popkultur hätten. Die grotesken Karikaturen, in die Chinesen, Inder, Peruaner, Ägypter und eigentlich alle Nicht-Amerikaner verwandelt werden, waren nie unschuldig. Sie waren kalkuliert, letztlich die Voraussetzung und Existenzgrundlage der Reihe. America first: endlich wieder jemand sein nach Watergate und Vietnam.

Popkultur akzeptiert kaum noch neue Helden

Früher als die meisten brachte die Filmreihe auch das hervor, was der Filmkritiker Matt Singer später als "Legacyquel" bezeichnete. Eine Fortsetzung, die dem Publikum gleichzeitig eine neue, jüngere Hauptfigur vorstellen will. Doch wie so oft scheiterte auch hier die Übergabe der Fackel von einer Generation zur nächsten. Ein anvisierter Film mit der von Shia LaBeouf gespielten Figur Mutt aus "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" in der Hauptrolle ist bis heute nicht erschienen. Jetzt muss der fast 80-jährige Harrison Ford noch einmal ran.

Die verzweifelt an die Kindheit geklammerte Popkultur akzeptiert kaum noch neue Helden. Nicht umsonst spielen Darsteller heute fast bis zum Ende ihres Lebens die ewig gleichen Rollen: Stallone ist immer noch Rocky und Rambo, Schwarzenegger bleibt Terminator und Conan, Harrison Ford verkörpert eisern weiter Han Solo und eben auch Indy. Obwohl schon in "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" viele Witze darauf abzielten, dass Jones eigentlich zu alt für den Job sei. Das war vor über 30 Jahren.

Natürlich ist es schwer, diese Art von Blockbuster zu kritisieren, weil sie im vorauseilenden Gehorsam jeden möglichen Kritikpunkt selbst formulieren. Alles, was Kritiker oder Fans bemängeln, wird irgendwann in den Filmen selbst kommentiert. Und immer auf eine Weise, die diese Kritik einhegt und neutralisiert. Im dritten Teil darf Jones sich von einem Feind anhören, nicht die Schätze, sondern er gehöre in ein Museum. Man schreibt das ins Drehbuch, damit es die Zuschauer nicht mehr sagen müssen.

Indiana Jones schwingt seine Peitsche im Kampf

Im Kampf gegen seine Feinde steht Indiana Jones immer als Held da. Seine Feinde werden von Rotoren zerfetzt, zerquetscht, gesprengt, zermalmt, von Krokodilen und Ameisen gefressen, erschossen, mit Grillspießen erstochen, erhängt und in Alien-Portale gesaugt. Dieser wohldosierte Einsatz von Grausamkeit gehört zu den Filmen von Steven Spielberg.

Fortsetzung für Fortsetzung wird der Panzer aus Ironie massiver, bis eigentlich keine Bewegung mehr möglich ist. Doch auch das tausendste Sprüchlein täuscht nicht darüber hinweg: Indiana Jones ist im Kern ein ungemein langweiliger Held. Noch seine größte Reaktion wirkt träge und stoisch; Harrison Ford spielt ihn mit einem existenziellen Desinteresse. Mit kosmischer Teilnahmslosigkeit. Natürlich reagiert er hier und da auf seine Umgebung. Vor Schlangen hat er Angst, Frauen verärgern ihn. Ohnehin, Frauen – für Jones im besten Fall nervig, im schlimmsten Fall Verräter und Nazis. Aber letztlich lassen die Dinge ihn kalt, sie dringen kaum zu ihm durch.

Gleich mehrfach wird er mit göttlichen Mächten konfrontiert, mit den höchsten Wesenheiten verschiedenster Religionen von Judentum bis Hinduismus. Doch ein Box-Office-Gott duldet keine anderen neben sich. Indy sieht Aliens, trifft auf Adolf Hitler. Er durchlebt Dinge, die jeden anderen Menschen für immer verändern würden. Gerade für einen Wissenschaftler sollten sie essenziell sein; jede einzelne wäre die Krönung eines forschenden Lebens. Er entkommt hunderte Male dem Tod, er tötet hunderte Menschen. Doch das ist alles egal, für ihn wie für den Zuschauer. Die Jones-Filme sind erfüllt von einem kuriosen Nihilismus.

Der Poptimismus der Gegenwart

Natürlich ist Steven Spielberg ein begabter Handwerker. Außerdem umgibt er sich mit anderen begabten Handwerkern. Spielbergs Bilder sind von bemerkenswerter Klarheit. Er weiß, wie er Ereignisse auf eine schlichte Kamerabewegung reduziert. Ein Messer wird gezogen, die Kamera fährt hinauf zu zwei gezückten Pistolen, die Lage ist klar. Das meiste würde man wohl auch verstehen, ohne die Dialoge zu hören.

Doch das allein erklärt nicht, warum sein indifferentes, infantilisierendes Rummelplatz-Kino heute oft selbst wie ein heiliger Gral behandelt wird. Tausende kluge Köpfe haben sich zu hymnischen Apologien aufgeschwungen, und dabei eigentlich immer nur ihre Kindheit besungen. Man kann sich auch zu sehr am Poptimismus der Gegenwart berauschen.

Nein, Indiana Jones gehört nicht in ein Museum. Wir sollten uns für ihn höchstens so sehr interessieren wie er für die Welt. Indiana Jones, dieser angebliche Archäologe, will Zeit und Geschichte nicht ordnen oder dokumentieren, sondern uns von ihrer Last befreien. Und wenn es keine Geschichte mehr gibt, macht endlich die Zeit allein die Dinge wertvoll.

Von Lucas Barwenczik (KNA)