Ein Jahr Aufbruchsstimmung
Bild: © KNA
Reaktionen auf ein Jahr Papst Franziskus

Ein Jahr Aufbruchsstimmung

Papst - Beicht-Boom in Großbritannien, Atheisten empfehlen Papst-Lektüre, Künstler bekleben römische Häuserwände mit Superpapst-Motiven: Überall auf der Welt wird vom "Franziskus-Effekt" gesprochen. Ein Jahr Papst Franziskus bedeutet auch in Deutschland ein Jahr Aufbruchsstimmung.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 13.03.2014

"Franziskus stellt die Kirche vom Kopf auf die Füße", sagt der Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Prälat Bernd Klaschla, mit Blick auf den ersten Jahrestag des Argentiniers im Vatikan. Franziskus wurde am 13. März 2013 gewählt. Der Papst vom anderen Ende der Welt habe die klaren Gesten durch das erste Jahr seines Pontifikats getragen und er lebe das vor, was er von den Menschen fordere, sagt Klaschka weiter.

Auch bei Menschen anderer Religion und Konfession habe er dadurch das Gefühl eines neuen Respekts vor der Kirche geweckt. Seine Offenheit fasziniere die Menschen auf der ganzen Welt. Der Papst nehme alle Getauften und Gefirmten in die Pflicht, den Glauben zu bezeugen. So verankere er die Kirche wieder in der Welt, "damit sie kein umhertreibendes Schiffchen ist, sondern ein Dampfer, der die Botschaft Jesu geladen hat", sagte Klaschka.

Auch die katholische Jugend findet, dass der neue Papst Mut mache: Ein Jahr nach der Wahl von Franziskus sieht der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) hoffnungsvoll einen Auftakt für eine grundlegende Kirchenreform. "Der Papst ermutigt zur offenen Diskussion über wichtige Fragen in der Kirche", erklärte der BDKJ-Bundesvorsitzende Dirk Tänzler in Düsseldorf. Er sorge damit "für einen überfälligen Aufbruch der Kirche hin zu den Menschen von heute".

Pontifikats-Jubiläum
Bild: © missio Aachen

Zum einjährigen Pontifikats-Jubiläum schaut er von 700 Kirchtürmen in Deutschland herab: Das missio-Banner rückt den bisherigen Einsatz von Papst Franziskus für die Religionsfreiheit in den Blick.

In der kirchlichen Jugendarbeit sei man bemüht, den immer größeren Graben zwischen Sprache und Lehre der Kirche und der Lebenswirklichkeit der jungen Menschen zu überwinden, so Tänzler. "Es ist eine große Freude, dass dieses Anliegen nun auch wieder an der Spitze unserer Kirche angekommen ist." Der Dachverband der rund 660.000 verbandlich organisierten Jugendlichen begrüße auch, dass Franziskus für eine Dezentralisierung und Entklerikalisierung stehe. "Mit dem Pontifikat von Papst Franziskus hat ein Umbruch begonnen, auf den wir fast nicht mehr zu hoffen gewagt hatten. Es wird neu verstanden, was das Zweite Vatikanische Konzil für uns heute bedeutet und was die Kirche in der Welt von heute bedeutet," sagte der BDKJ-Vorsitzende.

Den Papst als "das frische Gesicht des Glaubens" möchte das Hilfswerk missio mit einer besonderen Aktion auf den Straßen und (Kirch-)Plätzen sichtbarer machen: Für Pfarreien hat das päpstliche Missionswerk aus Aachen ein großes Banner erstellt, auf dem der Argentinier lächelnd und mit Segensgeste dargestellt ist. Das Poster im Format drei mal fünf Meter hätten bereits 700 Kirchengemeinden bestellt, teilte missio mit. "Sein entschiedenes und frohes Zeugnis als Christ scheint Menschen neu verstehen zu lassen, welch positive Kraft der Glaube haben kann", erklärte missio-Präsident Klaus Krämer dazu.

Die Botschaft, mit der das Hilfswerk den Papst auf dem Plakat zitiert, lautet ziemlich konkret "Religionsfreiheit ist Menschenrecht". Franziskus sei eben kein "Papst zum Wohlfühlen", so Krämer. "Sein Zugehen auf die Menschen fordert alle heraus, die sich zu Jesus bekennen." Mit dem Banner solle bedrängten Christen weltweit eine Stimme gegeben werden. Ein weiteres Zeichen für den Franziskus-Effekt auch in Deutschland sind die Fastenpredigten in diesem Jahr. Wie viele Kirchengemeinden sich die Schriften und Ansprachen des Papstes für ihre Predigtreihen vorgenommen haben, ist zwar nicht nachprüfbar. Aber von den Diözesen weiß man, dass mindestens in drei deutschen Bischofskirchen kontinuierlich über den Papst gepredigt wird – und auch in vielen Hirtenbriefen war er am ersten Fastensonntag Thema.

Player wird geladen ...
Video: © Adveniat

Mit Adveniat auf den Spuren von Jorge Mario Bergoglio.

Das "Franziskus-Wunder" brauche die Unterstützung der Gläubigen, sagte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann in seiner Predigt am Sonntag. Er warnte vor dem "Papst-Mythos", "als ob der Papst, wenn er nur wollte, alles allein verändern oder besser machen könnte". Diese Vorstellung sei "letztlich ganz unkatholisch". Lehmann wies außerdem darauf hin, dass sich Reformen der Kirche nicht allein auf Strukturveränderungen bezögen, "sondern sie beginnen bei der Umkehr des einzelnen Menschen zu neuer Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit". An den kommenden Sonntagen wollen sich prominente Katholiken im Mainzer Dom mit den lateinamerikanischen Wurzeln des Papstes beschäftigen und das Verhältnis der Kirche in Deutschland zu Lateinamerika hinterfragen (siehe Info-Kasten).

Im Osnabrücker Dom stehen die Fastenpredigten ganz im Zeichen des Apostolischen Schreibens "Evangelii gaudium": Das Motto der Prediger dort lautet "Die Freude des Evangeliums – Anstöße durch Worte von Papst Franziskus". Ähnlich sieht es im Bistum Hildesheim aus: Fünf Geistliche wollen in der Basilika St. Godehard Antworten auf die Frage "Wie kann sich Kummer in Freude verwandeln?" geben, in dem sie einzelne Aspekte des Lehrschreibens in den Mittelpunkt stellen. In dem päpstlichen Dokument habe der Papst "so etwas wie eine geistliche Erneuerung" formuliert, sagt Adveniat-Chef Klaschka, der in zwei Wochen im Mainzer Dom predigen wird. "Wir müssen eine pastorale Umkehr leben, näher bei den Menschen sein", so der Prälat. (Mit Material von KNA)

Von Agathe Lukassek