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Standpunkt

Das Schwarz-Weiß-Schema – unselig wie unnütz

Volker Resing stimmt ZdK-Präsident Sternberg zu: Die Debatte über Abtreibungsregelungen sei nicht sinnvoll, wenn ihr radikales Schwarz-Weiß-Denken unterliege. Doch selbst bei vermeintlich bunten Themen gebe es Diskussionen dieser Art, kommentiert er.

Von Volker Resing |  Bonn - 24.06.2021

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Der scheidende ZdK-Präsident Thomas Sternberg hat in seiner Stellungnahme zum so genannten "Matic-Bericht" eine kluge Wendung gebraucht, die weit über den konkreten Sachverhalt hinaus weist. Sternberg schreibt: "Die Debatte über rechtliche Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch wird nicht sinnvoll geführt, wenn ihr ein radikales Schwarz-Weiß-Denken unterliegt", sagt Sternberg. Das hört sich weitaus selbstverständlicher an, als es tatsächlich ist. Denn viele Debatten führen wir inzwischen ausschließlich in diesem bequemen wie unnützen Schwarz-Weiß-Schema, denn eigentlich erübrigt sich ja jede Diskussion, wenn es das Grau der Argumente, das Grau des Abwägens und das Grau der Unsicherheit gar nicht mehr gibt.

In den aktuellen Fragen des Lebensschutzes und der Selbstbestimmung ist das besonders offensichtlich. Sternberg beklagt die Einseitigkeit des Berichts zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit von Frauen, der gestern im EU-Parlament beraten wurde, und fordert ein klares Ja zum Schutz des ungeborenen Lebens. Christliche Positionen des Lebensschutzes in allen Phasen des Lebens, wie sie das ZdK vertrete, hätten es schwer, angehört zu werden, "wenn auf der einen Seite radikale selbsternannte 'Lebensschützer' vor ärztlichen Praxen demonstrieren, und auf der anderen Seite gefordert wird, Schwangerschaftsabbrüche vollständig zu legalisieren und die Tötung der Ungeborenen nicht einmal als Problem behandelt wird", beschreibt er die seit langem bekannte polarisierte Lage. Besonders deutlich zeigt sich dieses wahrlich unselige Schwarz-Weiß-Denken gerade in den USA, wo katholische Bischöfe die Zulassung zur Eucharistie an politische Einstellungen knüpfen wollen. Aus meiner Sicht ist das Missbrauch klerikaler Macht, weil es das Ende jeder Debatte markiert.

Das Gegenteil von Schwarz-Weiß, so könnte man es auch fassen, sind die Farben des Regenbogens. Der Regenbogen zeigt die Zusage Gottes, die Menschen in all ihrer Farbigkeit und Bedürftigkeit auf ewig zu lieben. Mit der Diskriminierung von Homosexuellen hat die Kirche ihre Schuldgeschichte, insofern steht der Regenbogen zurecht auch hier gegen Ausgrenzung und Abwertung. Allerdings ist verblüffend, wie bisweilen sogar der bunte Regenbogen zu nervtötenden Schwarz-Weiß-Debatten führt.

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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