Schachfigur
Standpunkt

Trotz kirchlicher Reformdebatten den Blick in die Welt nicht vergessen

Dreht sich die Kirche bei ihren derzeitigen Reformdebatten zu viel um sich selbst? Andreas Püttmann kann dieser Meinung durchaus etwas abgewinnen und fordert deshalb den kirchlichen Blick in die Welt hinein nicht zu vergessen.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 05.07.2021

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Seit geraumer Zeit beschleicht mich als Katholik ein Unbehagen, das Bischof Peter Kohlgraf jetzt auf den Punkt brachte: Angesichts massiver Probleme wie Klimaerwärmung, Menschenrechtsverletzungen, Extremismus, Krieg, Armut und Hunger, Flucht und Pandemie warnte er vor einer Selbstverschließung der Kirche in ihre inneren Konflikte. Dabei würden Progressive und Konservative durchaus "koalieren". Im Blick auf katholische Medien frage er sich, "ob auch dort die Themen 'der Welt' die ihnen gebührende Rolle spielen. Versuchen sie, Antworten anzubieten, Hilfe und Deutung?"

Eine Durchsicht der "Standpunkt"-Themen scheint den Bischof auf der Cathedra Wilhelm von Kettelers zu bestätigen: Kaum ein Viertel stellt gesellschaftliche Probleme ins Licht christlichen Glaubens. Dabei laden Wahlkampfdebatten um Zukunftsfragen unserer Republik gerade dazu ein. Kirchliche Stimmen spielen aber kaum eine Rolle. Man weiß nur meistens nicht, ob es sie gar nicht gibt oder ob sie nur nicht wahrgenommen wurden. Eine Google-Suche zeigte mir unter "Bundestagswahl 2021, Kirche" ein Infoportal der Diakonie Deutschland mit "unseren Forderungen" zur Wahl an, eine "Anregung zur Bundestagswahl!" der ökumenischen "AG Kirche für Demokratie und Menschenrechte" in Sachsen, Politiker auf dem Kirchentag und sonst fast nur lokale Initiativen.

Kirchliche Beiträge zum nationalen Wahlkampf – quasi einem Hochfest der Demokratie – müssen übrigens nicht nur inhaltliche Prüfsteine an Parteien sein. Ebenso wichtig sind angesichts trumpesker Tendenzen tugendethische Einsprüche zum Stil der Auseinandersetzung, etwa wenn politische Mitbewerber vor allem persönlich diskreditiert werden sollen, aber auch wenn voreilig "Schmutzkampagne!" gerufen wird, statt Vorwürfe unvoreingenommen zu prüfen. Parteiliche Überidentifikation mit der Folge von Kritikresistenz gibt es in jeder Parteiklientel. Dass in der eigenen Blase die nur Guten, Aufgeklärten sitzen und auf der Gegenseite die Bösen und Idioten, sollte man sich unter Demokraten abschminken. Geistige und moralische Fehlbarkeit trifft man überall. Eine gute Gelegenheit, die Weisheit des christlichen Menschenbilds, die Tugend demütiger Selbstdistanz und die Notwendigkeit der "reservatio mentalis" gegenüber Korpsgeist zu erläutern.

"Damit will ich nicht die Probleme der Kirche kleinreden", betonte Kohlgraf, aber "wir sollten die Augen und alle Sinne aufmachen für unseren Auftrag und unsere Botschaft". Eine christozentrische Kirche muss eine anthropozentrische sein – und damit auch eine politische dort, wo es um den Schutz des Menschen in seiner Würde und Freiheit, der Schöpfung und einer gemäßigten Staatsordnung geht, die durch autoritäre und völkische Tendenzen herausgefordert ist. Reinigung und Reform der Kirche sind notwendig, dürfen aber nicht zu Unaufmerksamkeit und Kleinmut in der Wahrnehmung christlicher Weltverantwortung führen.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.