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Standpunkt

Die Kirche hat den Menschen gerade nichts zu sagen

Kreist die Kirche zu sehr um sich selbst, statt auf die großen gesellschaftliche Fragen zu reagieren? Björn Odendahl sieht ein ganz anderes Problem: Die Kirche kann gerade überhaupt nicht glaubhaft auf diese Fragen antworten.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 08.07.2021

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Es könnte so einfach sein. Die Welt hat ein Problem – und die Kirche kann aus ihrem 2.000-jährigen Erfahrungsschatz die passende Antwort liefern: Menschenrechte? Neuerdings von der Kirche befürwortet! Kriege? Nur in früheren Jahrhunderten gut. Umweltfragen? Lest doch Laudato si! Und das gute an diesen Themen ist, dass man sich in den kirchlichen Lagern aller Couleur sogar fast einig ist – anders als bei den Fragen, die gerade intern etwa beim Synodalen Weg diskutiert werden. Wer sollte schon etwas dagegen haben, die Umwelt zu schützen?

Immer häufiger fordern Stimmen aus der Kirche deshalb nun: Endlich nicht mehr um sich selbst kreisen. Endlich wieder mit einer Stimme in der Öffentlichkeit sprechen. Positiv auftreten. Vertrauen zurückgewinnen. Doch "Stopp"! So einfach ist es nämlich nicht. Nicht nur, dass das Zurückgewinnen von Vertrauen nach der Missbrauchskrise nicht zum Selbstzweck verkommen darf. Noch immer sollten die Betroffenen im Fokus stehen und nicht das eigene Image. Doch selbst dann nehmen die Menschen einen gut gemeinten Rat der Kirche, eine (moral-)theologische oder ethische Expertise zu "säkularen" Problemen oder gar die "Frohe Botschaft", den Kern unseres Glaubens, nur von denen an, die sie authentisch verkünden. Ein unglaubwürdiger Botschafter dagegen verstellt den Blick auf die Botschaft – und macht sie letztlich ebenso unglaubwürdig.

Aber wie wollen wir als Kirche gerade jetzt glaubhaft über Menschenrechte sprechen, wenn wir die Rechte von Kindern durch den Missbrauch und seine Vertuschung über Jahrzehnte mit Füßen getreten haben und teilweise noch immer treten? Wie wollen wir über Gottes Schöpfung sprechen, wenn wir Gottes Geschöpfe in ihrer geschlechtlichen Verschiedenheit oder in ihrer sexuellen Ausrichtung nicht ernstnehmen? Nein, das können wir und das können vor allem die offiziellen Kirchenvertreter aktuell nicht. Die Kirchenaustritte, bei denen es nicht mehr nur um den Missbrauch selbst, sondern den unglaubwürdigen Umgang damit geht, belegen das – genauso wie die Reaktionen in den sozialen Netzwerken, wenn sich "die Kirche" dann zu eben jenen Fragen in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen will.

Nun muss man Facebook und Co. nicht zwingend zum Maßstab kirchlichen Handelns erheben. Doch eine Tendenz ist klar erkennbar, auch wenn sie schmerzt: Die Kirche kann der Gesellschaft aktuell nicht helfen. Ihre Antworten auf die großen Fragen unsere Zeit wollen die Menschen nicht hören, solange die Kirche ihre eigenen Fragen nicht geklärt hat. Vielleicht wäre daher das stärkste Zeichen der Kirche das bedächtige Schweigen eines Büßers, um das zu tun, was sie bisher meistens versäumt hat: besser hinhören und von anderen lernen.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redaktionsleiter bei katholisch.de.

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Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.