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Standpunkt

Es ist an der Kirche, den Gläubigen gute Gründe zum Bleiben zu geben

Die Kirchenaustrittszahlen sind aktuell wohl so hoch wie nie. Viele Menschen verlassen die Kirche, um angesichts der Fehler der Institution ihren persönlichen Glauben zu bewahren, glaubt die Theologin Julia Knop.

Von Julia Knop |  Bonn - 09.07.2021

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In wenigen Tagen werden die aktuellen Kirchenaustrittszahlen bekannt gemacht. Erfasst werden die Austritte des Kalenderjahrs 2020, noch nicht die des ersten Halbjahrs 2021. Das Amtsgericht Köln verzeichnet nach eigenen Angaben für diesen Zeitraum mit über 7.600 Austritten bereits höhere Zahlen als im gesamten Vorjahr. Sie entsprechen ungefähr der Anzahl der Firmungen eines ganzen Jahres im gesamten Erzbistum. Zahlen sind nicht alles, aber ein wichtiger Indikator für die Bindekraft, die die Kirche derzeit bei Katholiken und Katholikinnen entfaltet. Mit der Firmung bekräftigen sie ihre Bindung. Mit dem Austritt besiegeln sie ihren Bruch mit der Kirche.

Unter denen, die in diesen Wochen und Monaten aus der Kirche austreten, sind immer mehr, die man aus dem Gemeindeleben, aus Gremien und Verbänden kennt. Sie haben der Kirche über Jahre ein Gesicht gegeben. Sie waren für viele andere ein guter Grund zu bleiben: Menschen, die sich ehren- oder hauptamtlich in der Kirche engagiert haben, die privat und beruflich gut katholisch sind. Manche machen auf Blogs und in den Sozialen Medien ihre Gründe publik: Sie treten aus Solidarität mit den Opfern von Gewalt und Diskriminierung in der Kirche aus der Kirche aus. Sie gehen, weil sie es nicht mehr ertragen, Kompromisse in Grundrechtsfragen eingehen zu müssen, beispielsweise wenn sie als Lehrer und Lehrerinnen vor jungen Menschen für diese Kirche einstehen sollen. Sie verlassen ihre Kirche, um ihren Glauben zu bewahren. Sie gehen aus Selbstachtung.

Nicht nur die Kapazitäten des Kölner Amtsgerichts sind erschöpft. In der Kirche zu bleiben ist für viele zur Gewissensfrage geworden. Die Krise der Kirche ist ihre Krise, sie tobt sich in ihrem Inneren aus. Allerdings sind Menschen weniger widerständig als Strukturen. Was an einer religiösen Institution abprallen mag, kann die religiöse Existenz eines Menschen zutiefst erschüttern. Wenn das Maß des Erträglichen überschritten ist und Enttäuschung, Empörung und Erschöpfung überhandgenommen haben, ist ein Kirchenaustritt konsequent. Die zu erwartenden Austrittszahlen müssen auch die Vertreter und Verteidiger der Institution erschüttern. Es ist ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr Aufgabe der Gläubigen sein sollte, ihre Katholizität zu beweisen. Es ist an der Institution, ihnen gute Gründe zu geben zu bleiben.

Von Julia Knop

Die Autorin

Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.