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Wachsende und sterbende Orte der Kirche gleichbehandeln?

Auch in Deutschland gibt es Orte, an denen die Kirche wächst. Dennoch gingen Bistümer bei Strukturreformen nach dem Gießkannenprinzip vor, kommentiert Benjamin Leven. Dadurch werde Sterbendes künstlich am Leben erhalten und das Wachstum abgewürgt.

Von Benjamin Leven |  Bonn - 12.07.2021

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Es gibt Orte, an denen die Kirche wächst. Nicht auf anderen Kontinenten, sondern in Deutschland. Hier sind sie: die jungen Menschen, die Familien, die Ehrenamtlichen. Hier sind die Gottesdienste voll, hier finden Menschen neu zum Glauben. Oftmals handelt es sich dabei um Orte mit einer besonderen Konturierung. An manchen dieser Orte ist man betont experimentierfreudig, an anderen sozial oder ökumenisch engagiert. Einige zeichnen sich durch eine charismatische Gebetspraxis aus, bei anderen ist es die feierliche Liturgie und eine eher traditionelle Frömmigkeit und Pastoral, die Menschen anzieht. Oft sind es übrigens auch solche wachsenden Orte, an denen sich Menschen entscheiden, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen.

Und es gibt Orte, da stirbt die Kirche. Dort findet sich niemand mehr für den Pfarrgemeinderat, dort singt schon lange kein Chor mehr, dort ist aus viel zu großen Immobilien schon lange jedes Leben gewichen.

Dennoch werden beide, die wachsenden und die sterbenden Orte, von den Verantwortlichen meistens gleichbehandelt. Es gibt in der deutschen Kirche ein notorisches Desinteresse am Erfolg. Bei den Strukturreformen der Bistümer wird eine schrumpfende Zahl von Seelsorgern immer größeren Zonen zugeteilt, wo sie ihre Aufmerksamkeit auf der Grundlage abstrakter Planungen gleichmäßig auf die verschiedenen Standorte ihres Sprengels zu verteilen suchen. Dann kann es passieren, dass man in der einen Kirche weiter mit einer Handvoll Menschen die Messe feiert, während man in der nächsten Kirche einer eigentlich wachsenden Gemeinde die Gottesdienste zusammenstreicht.

Der Bischof einer deutschen Diözese beklagte vor wenigen Tagen in einer Predigt wörtlich "das manchmal entnervende Endverbraucherinteresse nur an Gottesdienstzeiten". Dabei müsste er heilfroh sein, wenn es in seinem Bistum Orte gibt, an denen die "Endverbraucher" noch Interesse an Gottesdienstzeiten haben.

Die Strukturreform nach dem Gießkannenprinzip ist nichts anderes als die Verwaltung des Niedergangs. Man hält Sterbendes künstlich am Leben und würgt gerade dadurch das Wachstum ab.

Von Benjamin Leven

Der Autor

Benjamin Leven ist Redakteur der "Herder Korrespondenz".

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