Hoffen auf die Zukunft: Bauernregeln und Wetterbrauchtum
Heilige als Leitschnur des Jahres

Hoffen auf die Zukunft: Bauernregeln und Wetterbrauchtum

Dem Wetter sind Menschen manchmal schutzlos ausgesetzt. Eine systematische Meteorologie hat sich aber erst spät entwickelt. Bauernregeln haben sich daher an Prognosen versucht – mit zwiespältigen Ergebnissen. Fast wichtiger ist jedoch die Grundeinstellung dabei.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 07.08.2021

Wie wird das Wetter? Für Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts ist diese Frage zwar relevant, in der Regel aber nicht existenzentscheidend: Ein vergessener Regenschirm ist lästig, aber auch nicht mehr. Ein verregneter oder zu trockener Sommer kann Landwirte in finanzielle Schwierigkeiten bringen, es verhungert hier jedoch niemand.

Das war bis vor wenigen Jahrhunderten noch anders: Die Ernte eine Woche zu lang auf dem Feld gelassen und damit einem beginnenden Unwetter ausgesetzt zu haben, konnte eine Leid und Tod auslösende Fehlentscheidung sein. Umso wichtiger war, über das Wetter – möglichst auch das kommende – Bescheid zu wissen.

Dabei war die wissenschaftliche Aufarbeitung des Wettergeschehens lange gar nicht so einfach. Eine systematische Meteorologie entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert, zuvor bestand die Wetterkunde oft schlicht aus der Beobachtung. Schon in der Bibel erwähnt Jesus: "Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein" (Lk 12,54–55 EU).

Beobachtungen vom Klosterturm

Der oberfränkische Mönch Mauritius Knauer (1613-1664) richtete sich im Turm des Zistenzienserklosters Langheim ein kleines Observatorium ein und beschäftigte sich mit Wetterphänomenen sowie der Stellung der Planeten. Als Kind einer Bauernfamilie und Wirtschaftsverantwortlicher seines Klosters hatte er sich ganz bewusst die Wettervorhersage vorgenommen. Da er davon ausging, dass Sterne, Planeten und der Mond einen großen Einfluss auf die Natur auf der Erde ausübten, nehmen sie in seinen Erwägungen einen bedeutenden Platz ein. Letztendlich erarbeitete Knauer durch die Beobachtung regelmäßiger Phänomene sowie unter Einbeziehung astronomischer Kombinationen sowie bäuerlicher Erfahrungen einen zunächst siebenjährigen Kalender, in den er Ratschläge für die klösterliche Landwirtschaft einarbeitete.

Das landwirtschaftliche Wissen, auf das Knauer zurückgriff, hatte sich über Generationen entwickelt. Aus Erfahrung konnten Bauern prognostizieren, welche Wetterphänomene häufig aufeinander folgen – und in etwa welchem Zeitabstand. Das verband sich mit volkstümlichen beziehungsweise volksreligiösen Elementen. So machten viele Bauern gewisse Regeln an den Heiligentagen fest, der Heiligenkalender war damals im Alltagsleben viel etablierter als er es heute ist. Diese genuin dem Bauernleben entstammenden Regeln vermischten sich mit jenen in Kalendern, sich eher an städtische Leser richteten, die Beobachtungen vom Land aufnahmen, aber auch frei ergänzten.

Der Kaiserdom St. Bartholomäus in Frankfurt am Main.

Der Kaiserdom in Frankfurt ist dem heiligen Bartholomäus geweiht.

"St. Bartholomäus hat's Wetter parat, für den Herbst bis hin zur Saat", hieß etwa eine Bauernregel und bezog sich auf den Gedenktag des heiligen Bartholomäus. In Reimen gehalten und dadurch leicht einprägsam, konnten diese Wetterregeln jeweils an die Nachkommen weitergegeben werden. Sie gaben den Bauern eine Richtschnur, wann etwa am besten was zu säen war.

Von der Wissenschaft belächelt

Die professionelle Meteorologie hat die Bauernregeln oft belächelt. Denn sicher ist es unmöglich, von einem fixen Datum auf einen genau umrissenen Zeitraum Vorhersagen zu treffen. Doch da lohnt ein Blick ins Detail: Bauernregeln widersprechen sich oft – je nach Region, in denen sie entstanden. Eine Regel aus Schlesien ließ sich nicht in Niederbayern anwenden. Dazu kommen das sich verändernde Klima (in vergangenen Jahrhunderten natürlich deutlich langsamer als heute) sowie die Kalenderreform vom julianischen auf den gregorianischen Kalender. Zudem verschoben sich Heiligentage, was die entsprechenden Regeln natürlich ad absurdum führte. All das einberechnet haben Statistiken allerdings ergeben, dass manche Bauernregeln in ihrer Zeit und Region durchaus funktioniert haben. Und wenn nicht, wurde die entsprechende Regel einfach unter den Tisch fallen gelassen.

Rund um die Bauernregeln und Heiligentage entwickelte sich ein reges Brauchtum. Heilige, die ihre schützende Hand – also ihre besondere Fürsprache – über Wein, Korn, Tiere oder was auch immer hielten, feierte man an ihren Gedenktagen gern mit einem ausgelassenen Fest. So gibt es für den heiligen Bartholomäus etwa in Markgröningen (Baden-Württemberg) zur Kirchweih der dortigen Bartholomäuskirche einen Jahrmarkt, den Schäferlauf. Ursprünglich liefen Schäfer tatsächlich um die Wette, es gab für die Herren einen Hammel und für die Damen ein Schaf zu gewinnen. Bis heute wird der 24. August als Volksfest gefeiert.

Ein Thermometer in der Sonne zeigt etwa 35 Grad.

Heiße Sommertemperaturen können für Pflanzen sehr schädlich sein.

Wenn gar nichts mehr hilft, geht und ging Beten natürlich immer: Das Glaubensleben hat sich in den vielen Jahrhunderten der landwirtschaftlichen Abhängigkeit mit dieser Symbolwelt vollgesogen. So wird am Erntedankfest im Herbst für das von der Erde geschenkte gedankt – damit es überhaupt so weit kommt, gibt es im Sommer den Wettersegen. In der Regel wird er ab dem Georgs- (23. April) oder Markustag (25. April), manchmal auch erst ab dem 3. Mai als Tag der Kreuzauffindung bis spätestens zum 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung gespendet.

Segen im Sommer

Der Zeitraum spricht schon Bände: Im Frühling und dem heißen Sommer sind Gemüse und Pflanzen besonders vulnerabel. Je nachdem, wie heiß und trocken es ist, wie viel Wind weht, können die Pflanzen besser oder schlechter gedeihen. Bei großen Unwettern konnte auch eine Missernte drohen, manchmal konnte schon eine Überschwemmung die Existenzen ganzer Landstriche zunichte machen. Schaden konnte der Segen also nicht.

Diese Welt ist den Menschen der Gegenwart fremd geworden – wiewohl auch Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts mehr als Anlass hätten, sich wieder damit auseinanderzusetzen. Selbst einer hochtechnisierten Gesellschaft wie der unsrigen halten der Klimawandel und die damit einhergehenden Hitzewellen und Unwetter – jeweils mit Jahr für Jahr steigenden Opferzahlen – den Spiegel vor. Auch der durchindustrialisierte Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts ist nicht unangreifbar. Auch er sieht sich einer Natur gegenüber, die er im letzten doch nicht versteht und – viel wichtiger – nicht beeinflussen kann. Die Demut vergangener Tage kann also auch in der Gegenwart nicht schaden.

Von Christoph Paul Hartmann