Schachfigur
Standpunkt

Kirchliche Floskeln zeigen mangelnde Bereitschaft zur Selbstkritik

In Kirchendebatten hört Theresia Kamp häufig die gleichen Floskeln, um Reformen abzuwenden – etwa der Verweis auf die Weltkirche. Wäre es nicht so ernst, würde sie gerne Bingo damit spielen. Überzeugend seien die Sätze jedenfalls längst nicht mehr.

Von Theresia Kamp |  Bonn - 19.07.2021

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Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man aus der kirchlichen Kommunikation ein Bingo mit Sätzen statt Zahlen machen. Die prominentesten Felder würden lauten: "Die Kirche denkt in Jahrhunderten", "Wir sind eine Weltkirche" sowie, mit Blick auf die Frauenfrage: "Das machen wir doch schon!". Dann werden Mentoringprogramme oder frisch mit Frauen besetzte Stellen aufgelistet, die die nach Reformen Fragenden in andächtiges Staunen versetzen sollen. Vertreter der Kirche und vor allem Bischöfe greifen mit traumwandlerischer Sicherheit immer wieder verlässlich in diese Schatztruhe von Floskeln.

Dabei erstaunt, wie sehr die Sprecher selbst noch daran zu glauben scheinen, dass sie als Erwiderungen geeignet sind. Nicht nur, dass interessierte Katholiken schon nach kurzer Zeit durchschauen, dass es immer dieselben Sprüche sind – sie sind schlicht nicht argumentativ überzeugend. In welchem anderen Lebensbereich würden sich Menschen mit solchen Antworten zufriedengeben? Ich bin kürzlich umgezogen und habe wegen des nicht funktionierenden Internets viel Zeit am Telefon verbracht. Ob es meinen Frust gemildert hätte, wenn der Hotline-Mitarbeiter mir gesagt hätte: Sie müssen wissen, der Internetanbieter denkt in Jahrhunderten!

Besonders spannend wird es, wenn Kombinationen dieser Klassiker zu Paradoxien führen, wie es kürzlich in einer Talkshow zum Thema Kirche passiert ist. Der anwesende Bischof parierte Reformforderungen mit dem Hinweis auf die Weltkirche (Feld 2), betonte aber in derselben Sendung ebenfalls in weltkirchlicher Perspektive, dass es in den Ostkirchen ja bereits nicht-zölibatär lebende katholische Priester gebe (Feld 3). Zum einen wurde der Hinweis auf die Weltkirche also traditionell verwendet, um Reformforderungen abzuschmettern, zum anderen aber für das exakte Gegenteil, als ein Beispiel für eine scheinbar umgesetzte Reformforderung. Wenn die Einheit also doch nicht so wichtig ist und Reformen so leicht umsetzbar wären ("Wir machen das ja schon!"), bleibt nur die Frage offen, warum sie in anderen Teilen der Welt noch nicht verwirklicht sind.

Sich hinter Floskeln zu verstecken zeigt vor allem eines: dass diese Kirchenvertreter nicht bereit sind, sich persönlich involvieren und in ihrem Tun anfragen zu lassen. Nicht zuletzt die hohen Kirchenaustrittszahlenmachen deutlich, dass die Zeit für diese Strategie definitiv vorbei ist.

Von Theresia Kamp

Die Autorin

Theresia Kamp hat Theologie und Romanistik studiert. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und schreibt regelmäßig für verschiedene christliche Medien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.