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Standpunkt

Liturgie ist keine "innere Angelegenheit"

"Summorum pontificum" ist Geschichte. Burkhard Hose weist darauf hin, welchen Schaden der leichtere Zugang zur vorkonziliaren Messe im Verhältnis mit dem Judentum verursacht hat. Denn Liturgie wirke über die Gottesdienstgemeinschaft hinaus.

Von Burkhard Hose |  Bonn - 20.07.2021

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Als Papst Benedikt XVI. 2007 verfügte, die sogenannte Tridentinische Messe wieder allgemein zuzulassen, hatte dies nicht nur innerkirchliche Auswirkungen. In den folgenden Jahren zeigte sich, dass die Hinwendung zu den Traditionalisten insbesondere dem Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der jüdischen Gemeinschaft schweren Schaden zugefügt hat. Die Diskussion entzündete sich an der Karfreitagsfürbitte für die Juden. Benedikt XVI. ließ sie im außerordentlichen Ritus zwar ändern und die ursprünglich eindeutig abwertenden Formulierungen korrigieren. Es blieb jedoch im Missale bei der Überschrift "Für die Bekehrung der Juden" (Pro conversione Judaeorum). Nicht nur die jüdische Gemeinschaft verstand dies als Aufruf zur Judenmission und als Rückschritt hinter das Zweite Vatikanische Konzil. Im Jahr 2015, zum 50. Jahrestag der Verabschiedung der Konzilserklärung "Nostra Aetate" über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, insbesondere zum Judentum, forderte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, erneut die Rücknahme der Karfreitagsfürbitte. Und Bischof Mussinghoff schloss sich dieser Forderung an. Ohne Erfolg. Die Annäherung an die Traditionalisten blieb Rom wichtiger als das Vertrauen der älteren jüdischen Glaubensgeschwister.

Mit dem Motu proprio, das Papst Franziskus am vergangenen Freitag veröffentlicht hat, wird hoffentlich auch dieser schwerwiegende Fehler korrigiert.

Wie die katholische Kirche Liturgie feiert, ist nicht nur eine "innere Angelegenheit". Ihre Gottesdienste sind öffentlich. Sie wirken in die nicht-christliche Gesellschaft hinein. Für wen die Kirche betet und wie sie betet, wen sie segnet oder wer dort ausgeschlossen oder abgewertet wird, sagt auch etwas darüber aus, wie wir uns als katholische Christ*innen in der Gesellschaft verstehen. Und es entscheidet darüber, ob Kirche unverständlich, reaktionär und weltabgewandt erscheint oder über die Kirchengrenzen hinaus einen Glauben sichtbar macht, der Menschen anderer Religion und Lebensweise positiv und mit Respekt und Offenheit begegnet.

Von Burkhard Hose

Der Autor

Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer in Würzburg.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.