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Standpunkt

Ein "Primat der Liebe" holt die kirchliche Sexualmoral in die Realität

Aus einem Forum des Synodalen Weges kommt die Forderung nach einer Reform der kirchlichen Sexualmoral. Für Joachim Frank ist das ein Weg in die Realität des irdischen Lebens, wo die Kirche ihrem eigenen Anspruch nach hingehöre.

Von Joachim Frank |  Bonn - 23.07.2021

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Der Synodale Weg läuft auf die zweite Synodalversammlung Ende September/Anfang Oktober in Frankfurt am Main zu. Unversehens fällt einem da Neil Armstrong ein. Sie wissen schon, der US-Astronaut mit dem berühmten Satz vom "kleinen Schritt" für einen Menschen und dem "gewaltigen Sprung für die Menschheit" bei der ersten Mondlandung 1969.

Für den modernen Menschen mag es ein kleiner Schritt sein, was Bischof Helmut Dieser (Aachen) und Birgit Mock vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) aktuell im Interview in der Aachener Kirchenzeitung und den anderen Zeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse formulieren: Für die katholische Sexualmoral solle künftig ein "Primat der Liebe" gelten, was bedeuten würde, das die Verurteilung jeglicher Sexualität außerhalb der (heterosexuellen) Ehe fallenzulassen. Darauf wirkt das von Mock und Dieser geleitete Synodalforum 4 des Synodalen Wegs (Leben in gelingenden Beziehungen) hin.

"Als Kirche versündigen wir uns an vielen Menschen, die nicht in ein menschengemachtes Raster passen", sagt Mock. Und Dieser unterstreicht, er und andere Bischöfe wollten "nicht mehr sagen müssen, dass alle Sexualität, die außerhalb der Ehe von Mann und Frau gelebt wird, von vorneherein Sünde ist".

Für die katholische Kirche ist es tatsächlich ein gewaltiger Sprung, zu dem Dieser und Mock da ansetzen. Am auffälligsten ist das durchgängige Unbehagen Diesers, ja ein trotziger Unmut im Hinblick auf die normativen Vorgaben, die – wenn es nach offizieller kirchlicher Doktrin geht – alle TheologInnen und SeelsorgerInnen den Menschen für deren Beziehungs- und Sexualleben machen sollen.

Das geht so nicht mehr. Das sagt der Aachener Bischof zwar nicht. Aber seine Wahrnehmung einer unüberbrückbar gewordenen Kluft zwischen Leben und Lehre springt einen aus jeder Zeile des Interviews an. "Ich muss glaubhaft sagen können, dass das ein alter Hut ist", sagt Dieser etwa zum (berechtigten) Vorwurf der Diskriminierung Homosexueller. Soll heißen: Die Kirche muss ihr Verdikt gelebter Homosexualität kassieren.

Dabei geht es nun nicht um Stimmungslagen einzelner Bischöfe, sondern um die Plausibilität der gesamten kirchlichen Verkündigung. Die Frohe Botschaft ist ganz schnell "auserzählt" (Bischof Dieser), wenn sich die AdressatInnen mit ihrem Leben und ihrer Liebe mehrheitlich in der Schublade "irreguläre Beziehungen" vorfinden.

Wer solche Sprünge macht wie Helmut Dieser, Birgit Mock und ihr Synodalforum, will nicht auf dem Mond, sondern in der Realität des irdischen Lebens landen. Da, wo die Kirche ihrem eigenen Anspruch nach hingehört. Gelänge das, käme das gleichwohl einer Mondlandung gleich, und Bischof Dieser würde eine Art katholischer Neil Armstrong. Aber die Realität der Kirche lässt nur die nächste Bauchlandung befürchten.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband alljährlich den Katholischen Medienpreis.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.