Die katholische Don-Bosco-Kirche in Bangkok
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Deutschsprachige Gemeinden im Ausland – Teil 1

Deutscher Pfarrer in Bangkok: Habe meine Berufung hier gefunden

Wieder einfach Seelsorger sein – das war die Motivation für Pfarrer Jörg Dunsbach, um die deutschsprachige Gemeinde in Bangkok zu leiten. Im katholisch.de-Interview spricht er darüber, wie das Gemeindeleben dort aussieht und welche Erfahrungen er mit nach Deutschland nimmt.

Von Christoph Brüwer |  Bangkok - 25.07.2021

Zehn Jahre hat Pfarrer Jörg Dunsbach in der thailändischen Metropole Bangkok verbracht und die deutschsprachige katholische Gemeinde dort geleitet. Diese Zeit habe seinen Horizont geweitet – auch innerkirchlich, sagt er im Interview. Außerdem erklärt er, warum nach seiner Rückkehr in Deutschland nicht mehr als leitender Pfarrer eingesetzt werden möchte und was das mit seiner Berufung und dem Heiligen Geist zu tun hat. 

Frage: Herr Pfarrer Dunsbach, wie ist die Corona-Lage aktuell in Bangkok und in Thailand generell?

Dunsbach: Corona wurde hier bereits im Dezember 2019 buchstäblich virulent, als man in Europa darüber noch gar nicht gesprochen hat. Wegen der zunehmend schlechter werdenden Luftverhältnisse in Bangkok, war Maskentragen sowieso schon normal und die Maßnahmen sind auf großes Verständnis gestoßen. Im März letzten Jahres begann hier dann ein sehr harter Lockdown und ich bin gerade noch mit dem letzten Flieger aus meinem Heimaturlaub in Deutschland zurückgekommen. Vom Sommer bis Dezember gab es kaum Infektionen und keine Todesfälle, sodass wir eigentlich sehr entspannt durchgekommen sind, während es in Europa immer schlimmer wurde. Seit Dezember ist hier allerdings Variantengebiet. Und die Varianten greifen um sich, sodass es ab Weihnachten einen eingeschränkten Lockdown gab, der wieder verschärft wurde. Weil die Zahlen trotzdem wieder steigen, überlegt die Regierung, nochmal einen ganz harten Lockdown einzuführen.

Pfarrer Jörg Dunsbach
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Pfarrer Jörg Dunsbach leitet die deutschsprachige katholische Auslandsgemeinde in Bangkok seit zehn Jahren. Im August kehrt er zurück in sein Heimatbistum Trier. "Irgendwann hat der Pfarrer der Gemeinde nichts mehr zu sagen und die Gemeinde auch dem Pfarrer nichts mehr", sagt Dunsbach. "Und bevor es zu diesem Durchhänger kommt, sollte man lieber gehen."

Frage: Spüren Sie Einschränkungen in Ihrer Arbeit als Seelsorger?

Dunsbach: Ja, ganz deutlich. Es gilt ein Versammlungsverbot für Gruppen von über 20 Personen. Wir haben im Moment nicht mehr so viele Gemeindemitglieder, weil keine Touristen mehr kommen und diejenigen, die durch die normale Fluktuation das Land verlassen, weggegangen sind und einige das Land verlassen haben, weil sie sich in Europa sicherer gefühlt haben. Es kommt aber niemand nach. Die Firmen entsenden niemanden, freiwillig kommt auch kaum jemand mehr, weder Touristen noch Menschen, die beispielsweise ihren Ruhestand hier verbringen wollen. Wir würden also vielleicht sogar noch unter die Personengrenze für Versammlungen fallen. Weil die wesentlich größere Thai-Gemeinde aber ihre Gottesdienste absagen musste, haben wir uns aus Solidarität angeschlossen und feiern auch keine Gottesdienste. Insofern haben wir mit kurzen Unterbrechungen im Frühjahr seit über einem Jahr keinen normal laufenden Betrieb mehr. Ich versuche daher, über Videochats mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, auch wenn das natürlich kein ausreichender Ersatz ist. Dazu verschicke ich einen Newsletter mit Anleitungen zum häuslichen Gebet und stelle Andachten auf YouTube ein.

Frage: Losgelöst von Corona: Wie sieht das Gemeindeleben in Ihrer Pfarrei überhaupt aus?

Dunsbach: Dazu muss man wissen, dass wir als Auslandsgemeinde keine klassische Pfarrei sind, wie man das aus Deutschland kennt, wo es mehrere Dörfer, einen Pfarrer, eine Pfarrkirche und Filialkirchen gibt, in denen reihum Gottesdienste angeboten werden, weil die Kirchen da sind. Auslandsgemeinden sind Personalgemeinden. Das heißt: Die Kirche entsendet Personal, also einen Pfarrer oder eine Pastoralreferentin, um die Gemeindeleitung zu übernehmen – und das meistens in einem eher nichtchristlichen Umfeld. Wir versuchen also als Minderheit Kirche so attraktiv zu gestalten, dass Menschen kommen. Dazu gehört an erster Stelle sicher der Gottesdienst. Aber auch das gesamte Rahmenprogramm und die Begegnungsmöglichkeiten, bei denen Menschen zusammenkommen, um sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten.

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Frage: Was macht Ihre Gemeinde aus?

Dunsbach: Ich denke, jede Gemeinde hat ihr eigenes Gesicht und Flair. Das liegt zum Großteil auch am jeweiligen Land. Wir leben hier in einem asiatischen und vom Buddhismus überaus geprägten Land. Nur 0,4 Prozent der thailändischen Bevölkerung sind Christen. Wir gehören also zu den Exoten. Vielleicht macht auch das die Attraktivität einer Gemeinde in einem Land aus, in das man als Deutschsprachiger für den Urlaub, die Arbeit oder den Lebensabend kommt. Da bietet eine deutschsprachige Kirchengemeinde neben der Exotik und Andersartigkeit auch ein bisschen Heimat. Zusammen mit meinem evangelischen Kollegen bin ich der Meinung, dass wir ein Angebot für eine sehr große Bandbreite an Menschen bieten. Bei uns sind alle willkommen – egal welche Geschichte, welches Lebensmodell oder welche Herkunft sie auch haben. Jeden Sonntag hat die Gemeinde ein anderes Gesicht. Vor und nach den Gottesdiensten gibt es normalerweise Zeit für ein zwangloses Miteinander und Unterhaltungen vom Smalltalk bis hin zum ernsten seelsorglichen Gespräch. Zwischen den Konfessionen sind die Grenzen fließend und da machen wir keine Unterschiede. Es würde niemand verstehen, wenn wir konfessionelle Grenzen aufzeichnen würden, die es für die Menschen hier nicht gibt.

Frage: Spielen aktuelle kirchenpolitische Entwicklungen bei Ihnen im Gemeindealltag eine Rolle?

Dunsbach: Die großen Fragen, die die Kirche im Moment betreffen, etwa Missbrauch, Machtstrukturen oder synodale Prozesse im Vatikan und in Deutschland, werden schon wahrgenommen und ich werde auch immer wieder auf diese Fragen angesprochen. Die Leute setzen aber andere Prioritäten: Sie erleben Kirche hautnah mit allen Vorteilen, die so eine Gemeinschaft bildet. Der Fokus geht weniger auf die Weltkirche oder die Diözese, sondern vielmehr auf die Gemeinde hier vor Ort.

Ich habe meine Weihe damals zwar sehr intensiv erlebt, aber bei diesen Gaben hat mich der Heilige Geist wohl verfehlt, weil ich Verwaltungsarbeit nie gut konnte und ich wollte sie auch nicht machen, sondern Seelsorger sein.

Zitat: Pfarrer Jörg Dunsbach über die Verwaltungsarbeit eines leitenden Pfarrers in Deutschland

Frage: Zehn Jahre waren Sie nun in Bangkok. Ende August kehren Sie zurück nach Deutschland. Warum?

Dunsbach: Meine Ernennung war vom Trierer Bischof zunächst für fünf Jahre genehmigt. Nach vier Jahren bin ich auch für die deutschsprachige Seelsorge in den Nachbarländern Kambodscha, Myanmar und Laos beauftragt worden. Meine Ernennung wurde deshalb zunächst um drei, später um weitere zwei Jahre verlängert. Ich mache das jetzt also seit zehn Jahren und so sehr ich die Arbeit hier vermissen werde, ist es gut, in mein Heimatbistum zurückzukehren. Irgendwann hat der Pfarrer der Gemeinde nichts mehr zu sagen und die Gemeinde auch dem Pfarrer nichts mehr. Und bevor es zu diesem Durchhänger kommt, sollte man lieber gehen. Ich fühle mich noch nicht zu alt, um etwas Neues zu beginnen.

Frage: Werden Sie also wieder Pfarrer in einer Gemeinde im Bistum Trier?

Dunsbach: Ich habe darum gebeten, mich nicht mehr als leitenden Pfarrer einzusetzen, sondern als Kooperator. Ich habe zehn Jahre lang Leitungsfunktionen erlebt und das hat in mir den Wunsch wachsen lassen, wieder Seelsorger sein zu können. Das war für mich auch die Motivation, die Aufgabe hier in Bangkok anzunehmen. Die Arbeit als leitender Pfarrer beschränkt sich zum großen Teil auf Organisation, Vermögens- und Personalmanagement. Ich habe meine Weihe damals zwar sehr intensiv erlebt, aber bei diesen Gaben hat mich der Heilige Geist wohl verfehlt, weil ich Verwaltungsarbeit nie gut konnte und ich wollte sie auch nicht machen, sondern Seelsorger sein.

Der Altar in der katholischen Don-Bosco-Kirche in Bangkok zu Ostern
Bild: © Privat

"Nur 0,4 Prozent der thailändischen Bevölkerung sind Christen. Wir gehören also zu den Exoten", sagt Pfarrer Jörg Dunsbach. Die Gottesdienste feiert die deutschsprachige Gemeinde in der katholischen Don-Bosco-Kirche in Bangkok.

Frage: Inwiefern konnten Sie das als Leiter der Auslandsgemeinde umsetzen?

Dunsbach: Hier in Bangkok beschränkt sich die Verwaltung auf die finanzielle Abrechnung am Ende des Monats. Das ist alles. Ansonsten habe ich vom Frühstück mit Gemeindemitgliedern, über den Gottesdienst bis hin zum Kaffeetrinken im Pfarrhaus Zeit für meine Gemeinde und die Seelsorge. Das habe ich genossen! Insofern habe ich eigentlich hier erst meine richtige Berufung gefunden. In Deutschland möchte ich daher als Kooperator wieder mehr Zeit für die Seelsorge haben. Nicht, dass ein Pfarrer nicht auch Seelsorger ist. Aber ich weiß, dass bei den vielen zeitintensiven Leitungsfragen anderes auf der Strecke bleibt. Mir tun Pfarrer leid, die sagen müssen: Ich bin eigentlich nur noch Verwaltungschef und kein Seelsorger mehr. Deshalb gehe ich lieber ins Glied zurück und mache fünf Beerdigungen am Tag, aber keine Verwaltung mehr.

Frage: Wie hat die Zeit in Bangkok Sie persönlich verändert?

Dunsbach: Mein Horizont hat sich geweitet, auch innerkirchlich. Viele Dinge, die ich früher als Pfarrer aufgrund von Rechtsvorschriften, Normen oder Vorgaben von der Kirche mehr oder weniger ernstgenommen habe, sehe ich mittlerweile sehr locker. Mein Blick auf die jeweiligen Menschen ist jetzt viel deutlicher als früher. Ich dachte immer schon, dass ich ein weites und geduldiges Herz hätte. Dass es sich noch weiten lässt, habe ich hier gelernt. Ich will nicht sagen, dass ich der Kirche illoyal gegenüber bin. Ich würde auch nicht sagen, dass ich ein Häretiker bin. Aber viele Dinge, die vielleicht die reine Lehre sehr eng sieht, würden hier weder jemandem helfen noch Verständnis finden. Ich habe gelernt, dass es kircheninterne Vorstellungen gibt, die nicht zum Leben der Menschen passen. Das Leben findet immer seinen eigenen Weg.

Von Christoph Brüwer