Marx deutet Möglichkeit eines zweiten Rücktrittsgesuchs an
Wort an Gläubige: "Wenn sich eine neue Situation ergibt..."

Marx deutet Möglichkeit eines zweiten Rücktrittsgesuchs an

Kurz vor seinem Start in den Urlaub hat der Münchner Kardinal Reinhard Marx eine Botschaft für die Gläubigen seines Erzbistums, die neue Akzente im Vorgehen des Oberhirten setzt. Sie richtet sich indirekt auch an die anderen Bischöfe – und an Rom.

Von Christoph Renzikowski (KNA) |  München - 24.07.2021

Am Wochenende wird in allen Kirchen des Erzbistums München und Freising ein "Wort an die Gläubigen" von Kardinal Reinhard Marx verlesen, das es gleich mehrfach in sich hat. Darin deutet der 67-Jährige an, dass es demnächst eine Situation geben könnte, in der er den Papst erneut bitten müsste, ihn von seinem Amt zu entbinden – was dieser noch vor sieben Wochen abgelehnt hat.

Marx versucht damit das Heft des Handelns in der Hand zu behalten. Zugleich baut er vor für den Fall weiterer Enthüllungen im Missbrauchsskandal, die ihn belasten könnten. Schon im Herbst wird das von ihm selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) erwartet, das – im Unterschied zur ersten Beauftragung im Jahr 2010 – ausdrücklich auch seine 2008 begonnene Amtszeit als Münchner Erzbischof in den Blick nehmen soll. Aber auch in Trier, wo er zuvor Bischof war, könnten durch die dort nun intensivierte Aufarbeitung noch neue Fakten ans Licht kommen.

Sein erster Anlauf zum Rücktritt, so viel ist inzwischen klar, war eine ganz und gar einsame Entscheidung. Allein das hat ihm massive Kritik eingebracht. Selbst der innere Kreis der Bistumsleitung wurde davon überrascht. Anders als etwa in Köln gab es zudem weder von Münchner Betroffenen noch aus Kreisen der Erzdiözese zuvor öffentliche Rücktrittsforderungen an den Erzbischof. Selbst nach seiner Bitte an den Papst überwog – trotz zahlreicher Respektsbekundungen für seinen Schritt – in den Reaktionen der Wunsch, Franziskus möge das Angebot von Marx ablehnen. Was dann auch geschah.

Mehrere Signale

Der Münchner Erzbischof sendet mit seinem Wort, das er unmittelbar vor Beginn seines Urlaubs publik machen ließ, mehrere Signale. "Meinen Dienst als Bischof verstehe ich nicht als ein Amt, das mir gehört und das ich verteidigen muss, sondern als einen Auftrag für die Menschen in diesem Erzbistum und als Dienst an der Einheit der Kirche", schreibt er. "Sollte ich diesen Dienst nicht mehr erfüllen können, dann wäre es an der Zeit – nach Beratung mit den diözesanen Gremien und auch der Aufarbeitungskommission und dem Betroffenenbeirat – zum Wohl der Kirche zu entscheiden und meinen Amtsverzicht erneut anzubieten."

Das heißt: Einen erneuten Alleingang schließt Marx aus. Ein weiteres Rücktrittsgesuch bindet er vorab diesmal an Beratungsprozesse. Außer den üblichen diözesanen Räten erwähnt er ausdrücklich auch die Gremien, die eigens für die Aufarbeitung geschaffen wurden. Würden die klar für einen Rücktritt votieren, könnte der Papst kaum noch bei seiner ablehnenden Linie bleiben.

Marx hatte dem Papst in einem Anfang Juni bekannt gewordenen Brief seinen Rücktritt als Erzbischof angeboten.

In seinem Schreiben an die Gläubigen scheint der Lernprozess durch, in dem sich Marx seit 2010 befindet: Von der ersten Erkenntnis, "dass im Raum der Kirche so viele Menschen Unheil und Leid erfahren haben und nach wie vor daran schwer tragen", über die schweren Gespräche mit Betroffenen bis zu den Konsequenzen, die Missbrauch über die unmittelbaren Opfer hinaus hat, in Familien und Pfarrgemeinden. "Erst in jüngerer Zeit beginnen wir zu verstehen", formuliert der Erzbischof.

Intensivtäter hinter dem Altar

Vergangenen Samstag stand eine solche Lerneinheit im Osten seines Erzbistums an. Marx fuhr nach Garching an der Alz, um sich schwierigen Gesprächen auszusetzen: Dort, wo ein vorbestrafter Intensivtäter mehr als 20 Jahre Pfarrer war, ohne dass die Gemeinde etwas davon ahnte. In der es dann wieder zu Missbrauch kam. Marx ist einer solchen Begegnung lange ausgewichen. Jetzt nicht mehr.

Eine ebenso unterstützende wie differenzierte Botschaft hat der Kardinal am Ende seines Briefes schließlich für die katholischen Reformkräfte parat. Für sie war er in den vergangenen Jahren immer stärker in die Rolle eines Hoffnungsträgers hineingewachsen, aber sie hat er bereits mit seinem Rückzug vom Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz enttäuscht. Nun schreibt er: "Ich bin überzeugt: Wir brauchen Reform und Erneuerung in und für die Kirche, aber wir brauchen auch den Sinn für die Einheit des Gottesvolkes, die in der Vielfalt sichtbar wird."

Von Christoph Renzikowski (KNA)