Schachfigur
Standpunkt

Wenn eine tolle Idee die richtige Sprache findet …

Pflegt die Kirche eine elitäre Machtsprache? Den Vorwurf Drewermanns hält Thomas Winkel für zutreffend. Um auch nicht-religiöse Adressaten zu erreichen, fordert er: Fachsprache bitte nur da, wo unbedingt nötig – und Alltagssprache wann immer möglich.

Von Thomas Winkel |  Bonn - 29.07.2021

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Stell' dir vor, es gibt eine tolle Idee und niemand hört hin … Dann lässt sich herrlich jammern über "die Jugend von heute" oder über Menschen, denen anderes anscheinend wichtiger ist. Und die ach so wenig Vor-Wissen mitbringen, dass die tolle Botschaft buchstäblich nicht ankommt. Als ob!

Natürlich stellen sich auch heute viele die großen Fragen des Lebens, wie nicht nur der Boom bei Romanen zeigt: Fragen um Liebe und Verzeihen, um Schuld und Scheitern, um ein faires Miteinander und den Erhalt der Natur bis hin zur tödlichen Flutkatastrophe. Ja, und auch die Frage, ob es nicht mehr gibt als das, was sich unter dem Mikroskop im Labor oder über das Teleskop im All nachweisen lässt.

Stell' dir vor, du bringst deine Idee mal anders rüber: ohne leere Worthülsen, ohne Fachausdrücke – so dass auch Teenies und Twens sich verstanden fühlen, die Marktfrau hinhört und der Handwerker im Blaumann. Die Uni Erfurt will jetzt dazu beitragen, genauer ihre Katholisch-Theologische Fakultät. Wer dort studiert, soll künftig auch lernen, religiöse Inhalte für Adressaten aufzubereiten, die nicht religiös sind. Ich finde das spannend – und das Prinzip könnte zu einem Modell werden für die Rede (auch) von Gott in einer modernen, fast religionslosen Gesellschaft.

Da ist noch viel Luft nach oben. Gerade erst hat Eugen Drewermann der Theologie ein mieses Zeugnis ausgestellt (und in diesem Punkt hat er mal weitgehend Recht): Sie pflege die Machtsprache einer gebildeten Schicht, "die nur noch zum Nachsprechen weitergegeben wird". Trost sei damit nicht mehr möglich – einer der schlimmsten Vorwürfe, den man einer Religion machen kann.

Hier will ein Kardinal "dem Völkerapostel sekundieren", da fordern Funktionäre allen Ernstes "eine breitere sakramententheologische Reflexion" über Liebesbeziehungen, dort fürchtet ein Bischof, das Wort Glaube vermittle nicht die volle Bedeutung des griechischen Begriffs "Kerygma". Ja, mag sein – aber hundertprozentige Präzision ist im Atomkraftwerk, im Cockpit und am OP-Tisch angesagt, wahrscheinlich auch im theologischen Doktorandenseminar des Elfenbeinturms Uni. Doch im Gespräch mit Patienten und Passagieren ist dann vor allem Verständlichkeit gefragt, ebenso wie auf Plätzen und in Massenmedien. Also Fachsprache bitte nur da, wo unbedingt nötig – und Alltagssprache immer da, wo möglich.

Stell' dir vor, du hast eine tolle Botschaft und sprichst die Sprache der Menschen … So verstandene Theologie könnte nicht nur in Erfurt Schule machen. Schlicht und einfach: Denn am Anfang ist das Wort.

Von Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.