Schachfigur
Standpunkt

Braucht uns Gott nicht mehr?

Nach dem Tod von Pater Bernd Hagenkord stellen sich seinem Mitbruder Stefan Kiechle existenzielle Fragen. Warum lässt Gott den Tod eines noch so jungen, engagierten Geistlichen zu? Hat er das gewollt? Und was hat Gott mit seiner Kirche vor?

Von Stefan Kiechle SJ |  Bonn - 02.08.2021

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Heute wird in Pullach bei München Bernd Hagenkord SJ beerdigt, Jesuit und ein Freund von mir. Er starb mit 52 Jahren, an Krebs. Vor gut einem Jahr starb ein anderer Freund und Mitbruder, unser Provinzial Johannes Siebner SJ, ebenfalls an Krebs, mit 59 Jahren. Zusammen mit vielen Menschen bin ich schockiert und sehr traurig, sprachlos, hilflos. Beide waren weithin bekannt und beliebt, beide hatten wichtige Aufgaben im Orden und in der Kirche, beide waren herausragende Persönlichkeiten und Mitbrüder, beide wurden dringend gebraucht, als Menschen, als Zeugen, als Priester. In einem schrumpfenden Orden sind beide unersetzbar.

Fragen stellen sich: Wo ist Gott darin? Hat er das gewollt? Und wenn nicht, warum geschieht es dennoch? Gott, so sagen wir, greift so einfach in irdische Zusammenhänge nicht ein – aber wo ist er dann? Viele alte und kranke, schwer leidende Menschen wollen gehen und dürfen nicht; hier sind junge, die nicht wollen und noch viel können, und sie müssen gehen. Warum?

Und weiter: Braucht Gott uns noch? Täuscht der Eindruck, dass viele Priester und Ordensleute jung gehen müssen? Vielleicht braucht oder will Gott uns nicht mehr? Er beruft ja kaum noch Nachwuchs. Und so viele Christen sterben, aus allen Gruppen, oder sie verlassen die Kirche. Viele Einrichtungen der Kirche – in den Orden und überall – müssen in den nächsten Jahren geschlossen werden. Bröckelt die Kirche, stirbt sie ab? Was will Gott mit seiner Kirche? Müsste nicht der gute Hirte seine Herde nähren und beschützen? Wie geht es weiter? Todesfälle, die uns nahegehen, werfen uns auf diese Fragen, heute ganz konkret und existentiell uns Jesuiten, immer wieder neu und dringlich die ganze Kirche.

Vielleicht muss diese Gestalt der Kirche doch irgendwie vergehen. Die Einschläge rücken näher. Wir müssen zu trauern lernen. Gott wird irgendwann und irgendwie Neues schaffen, das glauben und hoffen wir. Doch um das Klagen und Trauern kommen wir nicht herum.

Von Stefan Kiechle SJ

Der Autor

Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.