Wer waren die betenden Teilnehmer bei der "Querdenken"-Demonstration?
Sie traten in Collarhemden und mit Scheitelkäppchen auf

Wer waren die betenden Teilnehmer bei der "Querdenken"-Demonstration?

Ihr Auftreten sorgte im Internet für Irritationen: Männer und Frauen, die bei der verbotenen "Querdenken"-Demonstration am Sonntag in Berlin in priester- und ordensähnlicher Kleidung auftraten und beteten. Jetzt scheint klar zu sein, um wen es sich bei der Gruppe handelte.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 03.08.2021

Bei der Gruppe, die bekleidet mit Collarhemden, weißen Umhängen mit roten Kreuzen und kardinalsähnlichen Scheitelkäppchen an der verbotenen „Querdenken“-Demonstration am Sonntag in Berlin teilgenommen hat, handelt es sich nach Recherchen von katholisch.de um Mitglieder der "Christlich Essenischen Kirche" (CEK). Das legen Informationen auf der Internetseite der Vereinigung nahe. Dort war für Sonntag die Teilnahme an einer "bundesweiten Demonstration" in Berlin angekündigt worden. Auch die priester- und ordensähnliche Bekleidung der Männer und Frauen, die vor allem bei Twitter für Aufsehen gesorgt hatte, spricht für Mitglieder der CEK.

Das bestätigte auf Anfrage von katholisch.de am Montagnachmittag auch der Referent für Religions-, Weltanschauungs- und Sektenfragen des Bistums Trier, Matthias Neff: "Meines Erachtens handelt es sich hier tatsächlich um Angehörige der 'Christlich Essenischen Kirche' sowie um Angehörige von zwei Gruppen, die eng mit der CEK verbunden sind – dem sogenannten 'Marienorden' und dem sogenannten Templeroden 'Ordo Templi Christi Esseniorum'." Die CEK selbst reagierte bislang nicht auf Fragen von katholisch.de.

Kirche sieht CEK als "esoterische Vereinigung"

Die CEK sei aus Sicht der katholischen Kirche eine "esoterische Vereinigung", die keiner christlichen Kirche oder Konfession gleichzusetzen oder zuzuordnen sei, so Neff weiter. Obwohl die Vereinigung Amtsbezeichnungen, Amtskleidung und liturgische Gewänder verwende, die an die katholische Kirche angelehnt seien, gebe es seitens der Kirche keine Anerkennung und keine Zusammenarbeit mit der Gruppe. Auf der Internetseite des Bistums Trier ist darüber hinaus zu lesen, dass es sich bei der CEK wohl im Wesentlichen um Anhänger und Mitarbeiter eines Mannes handele, der zuvor als Anbieter esoterischer Lebenshilfe in Erscheinung getreten sei und sich dabei "auf sehr spekulative Erkenntnisse" berufen habe.

Die CEK selbst, die 1971 gegründet wurde und sich auf die antike Gemeinschaft der Essener beruft, schreibt auf ihrer Internetseite, dass sie Menschen einladen wolle, Gott als liebenden Vater zu erfahren und seine Liebe zu spüren. Und weiter: "Wir möchten den Frieden miteinander und untereinander in der Welt stärken. Wir möchten den Menschen das Bewusstsein der von Gott gegebenen Freiheit und den damit verbundenen unendlichen Möglichkeiten wieder nahe bringen."

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Die österreichische Weltanschauungsexpertin Eva-Maria Schmolly Melk schreibt zum religiösen Programm der CEK in einem Beitrag auf der kirchlichen Internetseite weltanschauungsfragen.at: "Die Lehre der Christlich Essenischen Kirche sammelt und mischt Ideen verschiedener religiöser Traditionen. Sie stellt regelrecht ein Exempel für eine synkretistische religiöse Gemeinschaft dar." Eine echte Nähe zum katholischen Glauben sei – auch wenn es die CEK gerne hätte – nicht wirklich gegeben. Dazu seien die theologischen Unterschiede und Ungereimtheiten zu groß. "Daran ändert auch nicht, dass sich die CEK darauf beruft, in der apostolischen Sukzession zu stehen. Auch das durch Titel, Kleidung und andere Insignien katholisch anmutende Erscheinungsbild der CEK kann die erwünschte Brücke nicht schlagen", so Schmolly Melk. Insgesamt wirke die CEK etwas künstlich, insbesondere durch die Diskrepanz zwischen einerseits sehr liberalen, geradezu relativistischen Inhalten und andererseits der Anlehnung an vergangenheitszugewandte katholische Frömmigkeitsstrukturen und -elemente.

Doch was genau wollte die CEK auf der "Querdenken"-Demonstration in Berlin? Laut einer vor der Demonstration veröffentlichten Pressemitteilung war es das Ziel der Gruppe, "durch Gebete den Menschen vor Ort und weltweit zu helfen, unabhängig ihrer politischen Ausrichtungen, Weltanschauungen oder Einstellungen". Politische Ziele und Missionierungsversuche verfolge man dagegen nicht, alle Amtsträger arbeiteten ehrenamtlich, freiwillig und aus innerer Überzeugung. "Für uns gelten die zentralen Grundsätze 'Alles Leben schützen!' sowie 'Die Freiheit des Einzelnen ist das höchste Gut. Sie endet dort, wo sie die Freiheit des anderen beschneidet.'"

Religiöse Überhöhung der "Querdenker"-Bewegung?

Laut der Mitteilung lautete das Motto der CEK-Aktion in Berlin: "Mit der Liebe des Christus, unter dem Schutz der Mutter Gottes und mit dem Mut der Ritter beten wir gemeinsam: Die Würde, die Gesundheit und die Freiheit jedes einzelnen Menschen sind unantastbar." Man bete gemeinsam und mit allen Menschen, die dies wünschten, um Gottes Gnade in diesen Zeiten. Dafür wurde laut der Vereinigung eigens ein Gebet verfasst, das ebenfalls im Internet zu finden ist und mehrfach bei der Versammlung in der Hauptstadt gebetet werden sollte.

Matthias Neff beurteilte dieses "Gebet für Gottes Gnade" gegenüber katholisch.de jedoch kritisch. Laut dem Text des Gebets habe die CEK gemeinsam mit dem Marienorden und dem Templerorden in Berlin darum gebetet, dass sich eine "Armee von Gläubigen" erhebe, die "Licht in diese Welt"“ bringt, sich "keinem Druck beugt" und "mit dem Wort" für Gott kämpfe. "Ich bewerte diese Aktion als Bestärkung, Unterstützung und religiöse Überhöhung der 'Querdenker'-Bewegung", so Neff wörtlich.

Von Steffen Zimmermann