Ein promovierter Theologe aus Bayern hilft in Rheinland-Pfalz

Fluthelfer: "Gott hat da augenscheinlich keine große Rolle gespielt"

Aktualisiert am 08.08.2021  –  Lesedauer: 

Mühldorf am Inn ‐ "Als Theologe lässt man viele Dinge einfach stecken", sagt Gerhard Deißenböck. Im Interview berichtet er davon, was er im Katastrophengebiet erlebt hat und wie das seine Gottesbeziehung beeinflusst – und massiv in Frage stellt.

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Er ist Geschäftsführer des Klerusverbands Bayern, ehrenamtlich bei Feuerwehr und Bayerischem Roten Kreuz und der Freiwilligen Feuerwehr aktiv und er hat den Doktortitel in Theologie: Gerhard Deißenböck (43) war selbst im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz. Im Interview spricht er über den Einsatz, die Bedeutung der Theologie und warum er Pfarrern ein Praktikum beim Rettungsdienst empfiehlt.

Frage: Herr Dr. Deißenböck, was macht ein promovierter Theologe im Hochwassergebiet?

Deißenböck: Seit Jahren bin ich in der Freiwilligen Feuerwehr als auch beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) ehrenamtlich aktiv, speziell auch für die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) im Kreisverband in Mühldorf am Inn. Ich betreue dort primär Einsatzkräfte nach potenziell belastenden Einsätzen, aber auch Betroffene. Und das war auch unsere Aufgabe beim Einsatz in Rheinland-Pfalz. Am ersten Tag ging ich mit einer Kollegin direkt ins Schadensgebiet im Landkreis Ahrweiler, am zweiten und dritten Tag war ich als "Psychosoziale Fachkraft" für die Betreuung aller Einsatzkräfte im Kontingent des BRK am Nürburgring verantwortlich.

Frage: Was haben Sie im Katastrophengebiet erlebt?

Deißenböck: Ich habe schon viel Erfahrung mit solchen Einsätzen, ich war bei der Oder- beziehungsweise Elbeflut 2002 in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Aber was ich am Nürburgring und im Landkreis Ahrweiler gesehen habe, konnte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen. Allein die Dimension der Katastrophenhilfe: Es gab einen eigenen Einsatzabschnitt für die psychosoziale Notfallbetreuung mit 170 Mann. Teilweise mussten wir sogar mit dem Helikopter eingeflogen werden. Mein erster Auftrag war die Ortschaft Schuld, die man aus den Nachrichten kennt. Aber was wir dort gesehen haben... Für mich ist es wie im Krieg gewesen, nur dass man nicht aufeinander geschossen hat. Ganze Straßenzüge einfach zerstört.

Frage: Was für Menschen sind Ihnen da begegnet?

Deißenböck: Wir haben einen Feuerwehr-Einsatzleiter kennengelernt, der sein komplettes Haus verloren hat. Und trotzdem hat er sieben Tage danach weiter den Einsatz gemanagt. Normalerweise hätte man so jemanden rausnehmen müssen. Aber da hätte man ihn in Handschellen von der Polizei abführen lassen müssen. Oder ich habe auf einem Campingplatz ein 63-jähriges Ehepaar getroffen. Die komplette Existenz ist vernichtet, die ganze Altersversorgung weg. Sie selbst haben noch andere gerettet und sind dabei in Lebensgefahr gewesen.

Eine Frau trägt eine Weste mit der Aufschrift "Notfallseelsorge" und spricht mit einem Mann
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Theologe Gerhard Deißenböck rät angehenden Seelsorgerinnen und Seelsorgern dazu, die sich mit Katastrophenschutz und Rettungsdienst auseinanderzusetzen und eine Notfallseelsorge-Ausbildung zu machen. "Dann wird Theologie auf einmal ganz konkret, wenn es etwa ums Sterben oder auch nur um Verletzung geht."

Frage: Was sagt der Theologe zu solchen Menschen?

Deißenböck: Was soll man groß erzählen – es geht vor allem darum, da zu sein, zuzuhören. Und wir haben uns um die Basics gekümmert, wie Wasser oder Masken zu bringen. Als Theologe lässt man viele Dinge einfach stecken. Gott hat da augenscheinlich keine große Rolle gespielt.

Frage: Was rät die Einsatzkraft Gerhard Deißenböck den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, den Klerikern im Klerusverband, denen er als Geschäftsführer begegnet?

Deißenböck: Ich würde zunächst über meine Erfahrungen im Krisengebiet sprechen. Und dann rate ich allen, sich mit den Strukturen von Katastrophenschutz und Rettungsdienst auseinanderzusetzen, vielleicht mal nach der Pandemie ein Praktikum auf einem Rettungswagen zu machen, einfach mal die eine oder andere Schicht mitzufahren oder die örtliche Feuerwehr besuchen. Dann wird Theologie auf einmal ganz konkret, wenn es etwa ums Sterben oder auch nur um Verletzung geht. Und ich würde raten, auf jeden Fall eine Notfallseelsorgeausbildung zu besuchen, das Thema Einsatznachsorge wäre ebenso interessant. Auch wenn man im Anschluss dort nicht eingesetzt wird oder tätig werden möchte. Wichtig ist auch: Über den Tellerrand schauen, was andere Disziplinen, wie Psychologie, Soziologie und auch die Pädagogik zu bieten haben. Der Theologe ist nicht allein auf der Welt.

Frage: Konnten Sie angesichts der Zerstörung noch den Willen Gottes erkennen?

Deißenböck: Wir werden Gottes Willen niemals begreifen oder auch nur annähernd erfassen. Ich habe auf jeden Fall wieder intensiv das Beten gelernt. Es ist für mich ganz neu zu einer Ressource geworden. Ein entscheidendes Bild für mich war die Kirche im schwer betroffenen Ort Schuld: Dort stand an der Tür "Rückzugsraum". Wenn wir im Katastrophengebiet unterwegs waren, habe ich immer versucht, an Kirchen oder Kapellen zu halten und zwei bis drei Minuten reinzugehen. Das war mein Rückzugsort und es war mir wichtig. Meine Gottesbeziehung wird immer spürbar konkret in einem solchen Einsatz, im Angesicht von Leid, Sterben und Tod. Sie wird dabei aber auch massiv in Frage gestellt, denn eigentlich müsste man verzweifeln. An diesen Orten spüre ich dem Ganzen nach. Dort kann ich mit Gott im Gebet auch hadern. Wenige Minuten als Ladegerät für meine inneren Akkus, um im Anschluss wieder ins Schadensgebiet rauszugehen.

Frage: Trotzdem: Wie haben Sie es geschafft, nicht an Gott zu verzweifeln?

Deißenböck: Der Einsatzabschnittsleiter am Nürburgring hat jede morgendliche Lagebesprechung ganz "untheologisch" mit den gleichen Sätzen beendet: "Sie sind hier, um mit einem Lächeln die Menschen zum Scheinen zu bringen. Ich bin stolz auf Sie alle, sind Sie es auch. Gehen Sie hinaus und It's time to shine!". Ich denke, seine Worte drücken genau das aus, was unser Auftrag als Menschen in solchen Situationen ist und vielleicht ist es ja Gottes Wille, dass wir anderen mit unserem Tun wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Auf dem Gang nach Emmaus hat Jesus auch nichts anderes getan. Er kam dazu, ging einen Teil des Weges mit.

Von Christian Wölfel (KNA)