Eine große Regenbogenfahne und ein Kreuz
Nach Kritik von Gesundheitsminister Spahn an kirchlichem Segnungsverbot

Mönkebüscher: Segnung Homosexueller "um des Glaubens willen" nötig

Kürzlich kritisierte Gesundheitsminister Spahn das Segnungsverbot für homosexuelle Paare – katholisch bleiben wolle er aber trotzdem. Im katholisch.de-Interview erklärt der Mitinitiator der Segensaktion #liebegewinnt, Pfarrer Bernd Mönkebüscher, warum solche öffentlichen Statements wichtig sind.

Von Moritz Findeisen |  Hamm - 24.08.2021

Priester würden Meerschweinchen und Motorräder segnen. "Aber zwei sich liebende, gläubige Menschen, die sich einen Segen wünschen für ihr Versprechen, lebenslang füreinander da zu sein, werden von der Kirche zurückgewiesen", kritisierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der vergangenen Woche. Dass er als schwuler Mann trotzdem noch Erwartungen an die Kirche hat, berührt Pfarrer Bernd Mönkebüscher. Im Interview spricht der Mitinitiator der Aktion #liebegewinnt über die positiven Rückmeldungen zu den Segensgottesdiensten im Mai. Durch den öffentlichen Druck habe sich das kirchliche Klima in Deutschland zwar gebessert, trotzdem wünscht er sich noch deutlicher Unterstützung durch die Bischöfe.

Frage: Herr Mönkebüscher, welches Gefühl weckt es bei Ihnen als katholischer Priester, wenn so prominente Personen wie Gesundheitsminister Spahn öffentlich ihren Glauben bekennen und gleichzeitig sagen, dass ihnen die Kirche dabei Steine in den Weg legt?

Mönkebüscher: Das berührt mich unabhängig von der Prominenz. Das berührt mich bei jedem Menschen, der um einen Segen für seine Partnerschaft bittet, und den es schmerzt, dass ihm dieser Segen von offizieller Seite verweigert wird. Es ist schlimm genug, dass das überhaupt noch ein Diskussionsthema ist, weil damit nach wie vor Menschen in ihrer Liebe diskriminiert werden. Insofern berührt mich die Äußerung des Gesundheitsministers nicht mehr als bei anderen Personen auch. Dieses Thema betrifft alle queeren Menschen gleichermaßen.

Frage: Glaube Sie denn, dass Ihr Anliegen, homosexuelle Paare zu segnen, durch die mediale Aufmerksamkeit solcher Statements mehr Gehör findet?

Mönkebüscher: Das macht auf jeden Fall einen Unterschied, dass Personen des öffentlichen Lebens stärker wahrgenommen werden. Allerdings dürfte das auf kirchliche Entscheidungen keinen Einfluss haben: Die Frage nach dem Umgang der Kirche mit Menschen, die nicht ihrer Normvorstellung entsprechen, muss aus Gründen des Glaubens und der Gerechtigkeit entschieden werden. Aber prominente Personen tragen das Thema natürlich stärker in die Öffentlichkeit – das ist sicher ein Plus.

Frage: Was halten Sie davon, dass ein Politiker so öffentlich über seinen Glauben spricht?

Mönkebüscher: Wenn Menschen in der Öffentlichkeit über das sprechen, was ihnen wichtig ist, finde ich das gut. Das ist doch genau das, was wir uns eigentlich wünschen, dass der Glaube ein Thema in der Gesellschaft bleibt und dadurch auch Diskussionen wachgehalten werden. Jetzt gab es direkt wieder Stimmen, die die Aussage von Jens Spahn als Wahlpropaganda abgetan haben. Das halte ich für eine Unverschämtheit: Zum einen hat Herr Spahn auch früher schon in diese Richtung geäußert und zum anderen werden dadurch die Anliegen queerer Menschen wieder von vornherein nicht ernstgenommen. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass ihm das nicht persönlich wichtig ist. Wenn einer sagt: Ich verstehe meinen Partner als Geschenk des Himmels und wünsche mir dafür den Segen des Himmels, dann ist das doch ein einzigartiges Glaubenszeugnis.

Bernd Mönkebüscher im Porträt

Bernd Mönkebüscher ist Pfarrer in Hamm. 2019 hatte er sich selbst als homosexuell geoutet und wurde seitdem zu einem der führenden Vertreter queerer Anliegen in der katholischen Kirche von Deutschland.

Frage: Zusammen mit anderen Seelsorgerinnen und Seelsorgern haben Sie die Initiative #liebegewinnt ins Leben gerufen und im Mai deutschlandweit Segnungsgottesdienste für homosexuelle Paare gefeiert. Welche Rolle hat dabei die Öffentlichkeit gespielt?

Mönkebüscher: Die hat eine große Rolle gespielt. Die Erfahrungen haben nochmal bestätigt: Öffentlichkeit hilft. Sie schützt ein Stück weit davor, dass einzelne Personen für ihr Tun angegriffen werden. Trotzdem wurde bei den Segnungsgottesdiensten – es waren über 110 an verschiedensten Orten – deutlich, dass die Verantwortlichen das aus ihrem Glauben heraus gemacht haben. Es ging nicht um eine Protestaktion oder um eine Show. Wir haben nach den Gottesdiensten sehr viele Rückmeldungen bekommen. Ein Wort kam immer darin vor: Heilung. Es war ja ein offenes Angebot an liebende Menschen – da waren nicht nur homosexuelle Paare dabei, sondern auch geschieden und wiederverheiratete. Das hat viele Menschen, die kirchlich nicht heiraten dürfen, sehr berührt.

Frage: Hat sich durch die Segensaktion etwas verändert?

Mönkebüscher: Ich denke, eine klare Veränderung ist, dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz und andere Bischöfe sich zu den Segnungsgottesdiensten äußern mussten. Die große Präsenz in der Öffentlichkeit hat deutlich gemacht, dass sie an dem Thema nicht vorbeikommen und dass es im Rahmen des Synodalen Weges einer Klärung bedarf. Gleichzeitig wurde der Mut der Seelsorgenden vor Ort gestärkt, die sagen: Uns geht es um die Menschen, wir wollen mit ihnen auf dem Weg sein und da gehören diese Segnungen dazu. Das hat auch schon die Unterschriftenaktion zu dem Thema gezeigt: Wir wollen, dass die Kirche sich in diesem Bereich verändert.

Schließlich waren wir sehr beeindruckt, dass die Gottesdienste auch weltkirchlich so stark wahrgenommen wurden. Wir haben aus den verschiedensten Ländern sehr viel Zustimmung bekommen. Es gab zum Beispiel auch die Anfragen, ob man diese Aktion nicht weltweit machen kann. Das ist für mich ein Zeichen, dass es nicht bloß um ein Thema im deutschsprachigen Raum geht.

Frage: Planen Sie, die Aktion fortzusetzen?

Mönkebüscher: Im Initiator*innenkreis ist ganz klar, dass wir an dem Thema dranbleiben wollen. Die Frage ist aber, ob man so eine Aktion einfach wiederholen kann, die stark als direkte Reaktion auf das damalige Nein der Glaubenskongregation geprägt war. Wir überlegen gerade, ob vielleicht der Valentinstag zukünftig ein Anlass sein kann, wieder explizit auf gleichgeschlechtliche Paare zuzugehen, oder ob es dafür besser einen eigenen Termin braucht. Es gibt genügend Entwürfe für Segensfeiern, es gibt moraltheologische und dogmatische Äußerungen dazu, die endlich Gehör finden müssen.

Die Öffentlichkeit gehört dazu – es geht darum, dass sich Liebe zeigen darf und von der sich versammelnden Gemeinde mitgetragen wird.

Zitat: Pfarrer Bernd Mönkebüscher

Frage: Einige Bischöfe haben sich im März mehr oder weniger offen gegen das römische Segnungsverbot gestellt. Glauben Sie, dass sich das kirchliche Klima da geändert hat?

Mönkebüscher: Ja, sie lassen teilweise durchklingen, dass sie niemanden sanktionieren, der gleichgeschlechtliche Paare segnet. Aber wie sie selber dazu stehen, kommt eigentlich nicht wirklich raus. Ich wüsste zumindest keinen Bischof, der sagt: Ich würde es selber auch tun. Zwar hat Bischof Meier gesagt, er würde niemanden abweisen, aber ob er tatsächlich in einer öffentlichen Feier ein queeres Paar segnen würde, dazu hat er nichts gesagt. Die Öffentlichkeit gehört aber dazu – es geht darum, dass sich Liebe zeigen darf und von der sich versammelnden Gemeinde mitgetragen wird. Man muss fairerweise sagen, das Thema war von Anfang Teil des Synodalen Wegs. Ich glaube, der Unterschied ist, dass durch unsere Gottesdienstaktion den Bischöfen nochmal stärker deutlich geworden ist, dass man diese Segnungen nicht einfach verbieten kann – und zwar um des Glaubens der Menschen willen. Wer heute in der Kirche noch um einen Segen bittet, macht das aus einem Herzensanliegen heraus.

Trotzdem weiß ich auch von einem Kollegen, der sich erst vor Kurzem wieder wegen eines Segnungsgottesdienstes beim Generalvikariat rechtfertigen musste. Es gibt leider nach wie vor Menschen, die Seelsorgende anzeigen. Und nicht jeder Bischof reagiert wie Bischof Felix Genn in Münster und sagt: Seelsorger haben bei mir nichts zu befürchten. Deswegen ist es so wichtig, dass das Thema weiterhin in der Öffentlichkeit präsent ist.

Frage: Die Annäherung der Kirche an queere Menschen stößt auch auf Kritik. Es gab Berichte von Regenbogen-Flaggen, die von Kirchen abgerissen wurden. Wie begegnen Sie Menschen, die sich an dem Thema stören?

Mönkebüscher: Also im letzten Fall handelt es ja schlicht um Vandalismus. Da gibt sich niemand zu erkennen, das finde ich feige. Es gibt aber auch Menschen, die Leserbriefe schreiben oder sich beim Bistum beschweren – so war es auch hier in Hamm. Mir ist aber kein Bischof bekannt, der darauf geantwortet hätte: Nehmt die Fahnen ab. Dafür waren es auch viel zu viele. Menschen, die sich direkt an mich wenden, versuche zu erklären, was damit gemeint ist. Ich kann durchaus verstehen, dass es für manche befremdlich ist, die die Regenbogenfahne nur aus dem Fernsehen vom CSD kennen. Denen sage ich, dass der Regenbogen für den Bund Gottes steht, dass er ein Friedenszeichen ist und für Vielfalt steht. Es ist ein universelles Zeichen, dass sich die queere Bewegung irgendwann zu eigen gemacht hat.

Eine Kirche mit Regenbogen

Als farbenprächtiges Naturschauspiel steht der Regenbogen in der Bibel für den Bund Gottes mit den Menschen. In der queeren Bewegung ist er ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz, mit dem sich auch immer mehr kirchliche Initiativen solidarisieren.

An dieses Thema von Vielfalt kann man im Gespräch biblisch gut anknüpfen: Der Schöpfungsbericht spricht davon, dass Gott Tag und Nacht gemacht hat, Frau und Mann, Meer und Land. Aber es gibt ja auch ganz viel dazwischen, es gibt die blaue Stunde, es gibt das Wattenmeer. Diese Übergänge drücken die Vielfalt aus. Auch lässt sich exegetisch zeigen, dass es an den Stellen, an denen es in der Bibel um Homosexualität geht, nicht um Partnerschaften geht, wie wir sie heute verstehen. Wir müssen im Sinne einer Beziehungsethik nach der Qualität der Liebe fragen: Wie würdevoll wird eine Beziehung gelebt? Unabhängig davon, ob es Frau und Mann oder Mann-Mann, Frau-Frau sind. Auf diesem Weg kann man viele Menschen erreichen – natürlich nicht alle, aber doch die meisten.

Frage: Was empfehlen Sie gleichgeschlechtlich liebenden Paare – seien sie nun Bundesminister oder nicht – an wen sie sich wenden sollen, wenn sie sich einen kirchlichen Segen wünschen?

Mönkebüscher: Zum Glück gibt es mittlerweile in dreizehn oder vierzehn Bistümern Arbeitskreise oder Seelsorgebeauftragte, die sich mit dem Thema beschäftigen. Darüber hinaus glaube ich, dass queere Menschen durchaus ein Gefühl dafür haben, welche Priester sie fragen können. Und dann gilt es in jedem Fall, das Gespräch zu suchen. Das traurige ist aber, dass viele längst müde geworden sind und keine Erwartungen mehr an die Kirche haben. Wenn dann doch noch Wünsche an uns gerichtet werden, kann ich ihnen doch nicht die Tür vor der Nase zu machen. Wir wollen Türen öffnen – das ist unser grundlegendes Anliegen.

Von Moritz Findeisen