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Was der Glaube die Politik lehren kann: Sinn für das Tragische

Gesellschaftliche Werte sind längst nicht mehr exklusiv christlich. Für Abtpräses Jeremias Schröder kann der Glaube trotzdem etwas zur politischen Diskussion beitragen: den Sinn für das Tragische, das Gefühl des Hinfälligen gegen den Perfektionismus.

Von Jeremias Schröder OSB |  Bonn - 14.09.2021

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Wenn davon die Rede ist, wie christlicher Glaube in den öffentlichen Raum hineinwirkt, dann ist ziemlich schnell von Werten die Rede. Das ist wohl auch wahr: Die Würde der Person, die Erfordernis von Solidarität, das Bestreben nach Bewahrung der Schöpfung und vieles mehr lässt sich aus unserer religiösen Tradition herleiten, ohne dass man dabei allzu viel geradebiegen muss. Die positive Frucht einer viele Menschenalter überspannenden christlichen Lehr- und Predigttätigkeit. Exklusiv ist das freilich alles nicht mehr. Auch denen, die nicht an Christus glauben, sind diese Werte und Haltungen zugänglich. Bedenklicher ist vielleicht, wenn die Rolle der Kirche für die Gesellschaft auf so einen Werte-Lieferant reduziert wird.

In diesen Wochen, in denen in Deutschland politische Lebensleistungen herauf- und herunteranalysiert werden und das Versagen aller denkbaren zukünftigen Führungskräfte unseres Landes prophezeit wird, drängt sich mir ein anderer christlicher Beitrag fürs Gemeinwohl auf: der Sinn fürs Tragische.

Der christliche Glaube behandelt auch die Themen von Schuld und Verstrickung, von Verfehlung und Scheitern. Das hat in einer Zeit der unerbittlichen Selbstoptimierung und der unbarmherzigen Fehlerjagd etwas sehr Humanisierendes. In den Glaubenserzählungen kommt das Abgründige und Hinfällige vor, und wird dort auch ertragen und ausgehalten. Das ist für die Bewältigung der menschlichen Existenz und auch für die Deutung von Gesellschaft vielleicht genauso wichtig wie die christliche Wertevermittlung, der ja immer auch etwas Oberlehrerhaftes anhaftet.

Der Priesterphilosoph Joseph Bernhart aus meiner schwäbischen Heimat hat sich am Thema des Tragischen abgearbeitet. Er starb 1969, aber das Thema ist zeitlos. Die Ahnung von der Erbsünde, von einer Schuld, in die man hineingeboren wird und auch ohne eigene Schuld hineinverstrickt ist, verrät uns vielleicht mehr über die Klimakatastrophe als die wohlmeinenden Plakate entrüsteter Schülerinnen.

Vor dem Tragischen, vor der Verstricktheit, kann man sich nicht einfach wegducken, nicht im persönlichen Leben und auch nicht in Gesellschaft und Politik. Bernhart sagt, man muss "dem Tragischen beitreten". Schade, dass das kaum mehr gelehrt wird.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.