Wer verführt hier wen?
Schwester Birgit Stollhoff über das Sonntagsevangelium

Wer verführt hier wen?

Ausgelegt! - Nicht nur im Wahlkampf hat Schuldumkehr Konjunktur. Der Alkohol im Schrank verführt zum Trinken, die leere Straße zum Rasen... Schwester Birgitt Stollhoff fallen zahllose solcher Ausreden ein. Doch die Sprache verrät den Sprechenden – und da ist Jesus im heutigen Sonntagsevangelium sehr genau.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ |  Hannover - 25.09.2021

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Impuls von Schwester Birgit Stollhoff

"Die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt." Diesen Slogan kennt jeder, gleich mit der passenden Melodie und schon läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Schokolade ist ungesund und macht dick, aber manchmal geben wir der Versuchung nach. Alle Worte mit der Silbe "ver-" haben etwas zu tun mit ausbrechen, abweichen von einer vorgegebenen Linie, mit Chaos oder Konfusion.

Die alte Einheitsübersetzung verwendet im Evangelium noch das Verb "verführen": "Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt…" Das Wort "verführen" finde ich viel schwieriger als den Begriff "versuchen". In Zusammenhang mit Fragen religiöser Kleidervorschriften ist mir klar geworden, was mich daran stört: Kleidervorschriften haben viele richtige Begründungen – Respekt vor Gott und dem Raum, verschiedene Symboliken etc. Anders finde ich das in allen Religionen verwendete Argument, dass sich die Frauen bedecken sollen, damit der Mann nicht auf "falsche Gedanken kommt".

Diese Begründung folgt für mich einer verheerenden Logik: Beim Verführen gibt es eine "böse" Person, die eine andere "unschuldige" Person aktiv verführt, aktiv vom "rechten" Weg wegleitet. Das sind bei Kleiderfragen dann – wen überrascht es – die Frauen. Was mich an diesem Argument ärgert, ist die Verwechslung von Subjekt und Objekt. Wenn ein Mann eine Frau sieht, ist er Subjekt und sie, die Gesehene, Objekt. Wehe aber, die Kleidung stimmt nicht.

Dann wird aus der Gesehenen qua Definition die aktive Verführerin und aus dem sehenden Mann das willenlos verführte Objekt. Und schon ist die Verantwortung abgegeben, schon ist die Frau schuld! Sprache kann aus Opfern Täter machen und aus Tätern unschuldig Verführte. Dieses Leugnen der Schuld gibt es auf vielen Ebenen: Die anderen Raucher oder der Alkohol im Regal hat mich "verführt" oder das Handy hat einem am Steuer "abgelenkt".

Inzwischen wird die Bibelstelle vager mit "Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt" übersetzt. Aber es bleibt dabei – die Hand ist schuld. Oder nicht? Mich erschreckt diese Bibelstelle mit ihrer brutalen Sprache und den harten Konsequenzen. Vor dem Hintergrund dieser Frauenthematik verstehe ich sie neu: "Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, dann hau sie ab!"

Hier stellt Jesu den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang wieder richtig: Wenn Dich deine Hand oder wer auch immer verführt – dann ist es Deine Aufgabe, damit umzugehen! Jesus lässt sich hier nicht auf eine Täter-Opfer-Verschiebung, auf das Abgeben der Verantwortung, ein. Verantwortlich ist der souverän handelnde Mensch, der Böses tut.

In einem Post auf Twitter habe ich gelesen: "Wenn Du dich am kurzen Rock einer Frau Anstoß nimmst, dann ist die Frau keine Schlampe, aber du denkst vielleicht die Gedanken eines Vergewaltigers." Das ist heftig ausgedrückt, aber es macht – wie Jesu Worte – deutlich, wo die Verantwortung liegt: Bei dem, der etwas sieht und damit umgehen muss, nicht bei der Gesehenen.

Die Menschen sind verantwortlich, weil eben nicht alles egal ist im Leben und Ausreden allenfalls für Schokolade taugen – aber nie für Vergehen gegen die Menschen. Gerade in Zeiten der Wahl und danach lohnt es sich hinzuhören: Wer übernimmt Verantwortung wofür. Und für wen sind "die Anderen Schuld". Sprache kann Rollen vertauschen, aber Sprache verrät auch den Sprechenden – und da ist Jesus sehr genau.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

Evangelium nach Markus (Mk 9,38–43.45.47–48)

In jener Zeit sagte Johannes, einer der Zwölf, zu Jesus: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt.

Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen eine Machttat vollbringt, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.

Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.

Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer.

Und wenn dir dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden.

Und wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.

Die Autorin

Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet im Jugendpastoralen Zentrum "Tabor" in Hannover, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.

Ausgelegt!

Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.