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Franziskus setzt bei Bischofsrücktritten falsche Maßstäbe

Erzbischof Heße durfte sein Amt genauso wenig aufgeben wie zuvor Kardinal Marx. Warum Franziskus Bischöfe daran hindert, im Missbrauchsskandal moralische Verantwortung zu übernehmen, erschließt sich Gabriele Höfling nicht. Sie hält das für ein fatales Signal.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 17.09.2021

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Der erste Paukenschlag nach der Ablehnung des Rücktritts von Hamburgs Erzbischof Stefan Heße ist verklungen. Doch noch längst sind nicht alle Fragen zu dem Thema geklärt. Vor allem die Rolle des Vatikans ist gleich aus mehreren Gründen problematisch.

Wenig überzeugend ist es zunächst, sich bei der Entscheidung hinter dem Kirchenrecht zu verstecken - das angeblich keine Möglichkeit zur Annahme des Rücktritts ließ, weil bei den Pflichtverletzungen Heßes im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt keine Absicht vorlag. Erstens ist der Papst ein absoluter Monarch, er kann auch das Kirchenrecht ändern. Zweitens ist Franziskus bisher nicht damit aufgefallen, sich von formalen Kriterien allzu sehr beeindrucken zu lassen. Es gibt viele Beispiele, wie kreativ die Kirche mit ihrem eigenen Recht umgeht, wenn die denn nur will.

Für eine ausgewogene Entscheidung über einen Rücktritt bedarf es außerdem viel mehr als nur eines Blicks ins Kirchenrecht. Sowohl Erbzischof Heße als auch vor einigen Monaten Kardinal Reinhard Marx haben erkannt, wie schwer auch ein moralisches Versagen wiegt. Sie wollten daraus Konsequenzen ziehen. Dass Franziskus ihnen diesen Schritt jetzt verwehrt, ist fatal - nicht nur für sie persönlich, sondern auch für ihre Bistümer. Der Autoritätsverlust der beiden "Bistumschefs" ist immens. Ob sie in den Bistum-Gremien wieder richtig Fuß fassen können, ist fraglich.

Als vor einigen Jahren wegen des chilenischen Missbrauchsskandals fast die gesamte dortige Bischofskonferenz ihren Rücktritt anbot, nahm der Papst immerhin rund ein Drittel der Rücktritte an. Warum er jetzt so anders agiert, bleibt sein Geheimnis. So kurz vor der Weltsynode klingt sein immer wieder geäußertes Versprechen, der Weltkirche und damit auch ihren Vertretern mehr Eigenverantwortung zu geben, jedenfalls eher hohl.

Sehr bequem ist schließlich das immer wieder hervorgebrachte Argument, in der Kirche gebe es nun mal ein anderes Rücktrittsverständnis als in der Politik, Rücktritte zur rein symbolischen Übernahme von Verantwortung gebe es da nicht. Was hindert die Kirche denn vor allem angesichts der oben genannten moralischen Verantwortung daran, ihr Verständnis von Rücktritten zu überdenken, gerade wenn es um die Glaubwürdigkeit der gesamten Institution geht? Das wäre auch im Hinblick auf weitere anstehende Entscheidungen ein längst überfälliger Schritt.

Von Gabriele Höfling

Die Autorin

Gabriele Höfling ist Redakteurin bei der Katholischen Nachrichten-Agentur und bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin wider.