Wie man schwere Erinnerungen verarbeiten kann
Seelische Narben verändern das Leben

Wie man schwere Erinnerungen verarbeiten kann

Spiritea - Das Leben kann hart sein und weh tun – davon bleibt immer etwas zurück, innerlich wie äußerlich. Alles zu vergessen, ist oft nicht die richtige Lösung. Erinnern und verarbeiten kann verschiedene Formen haben, die sich in das Leben einfügen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 20.09.2021

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Das Leben geht an niemandem spurlos vorbei: Liebe Menschen sterben, wir werden verletzt, verrennen uns. Wie geht man damit am besten um? Einfach alles wegwischen, vergessen? Oder das Erlebte als eine Art "Stachel im Fleisch" behalten?

Ob – und wenn ja, wie – man sich erinnert, ist immer eine bewusste, nachhaltige Entscheidung. Es gibt ein privates Gedenken und ein öffentliches, ein direktes wie auch indirektes. All dies zeigt, wie unterschiedlich die Vergegenwärtigung des Vergangenen sein kann – und das kann auch ein Hinweis für die Verarbeitung der Vergangenheit im Persönlichen sein.

Ein paar kleine Beispiele, die sich in Berlin in direkter Nachbarschaft befinden: Da ist einerseits das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten, das in Form eines bronzenen überlebensgroßen Soldaten offensiv an Leid und Tod erinnert. Eine ganz andere Form des Gedenkens wählt das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ein paar Meter weiter: Betonquader wollen dort eine besondere, beengende Wirkung erzielen, ohne das eigentliche Thema direkt beim Namen zu nennen. Eine Zwischenposition nimmt das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen (auch örtlich zwischen beiden Gedenkorten gelegen) ein: In dem Betonquader gibt es ein Fenster, in dem ein Film sich küssender Paare zu sehen ist. Der Ort ist unscheinbar, die Aussage direkt wie aber auch (durch den Kuss) mit einem positiven Einsprengsel.

Öffentlich und privat

Was für die großen, auch öffentlich diskutierten Denk- und Mahnmale gilt, lässt sich auch aufs Private übertragen: Welche Form des Andenkens und Gedenkens passt zu mir? Und zu dem, an das ich mich erinnere? Stelle ich vom verstorbenen Verwandten ein Foto auf oder trage ich den übernommenen Schal, stelle Blumen in die geerbte Vase? Gehe ich am Geburts- und/oder Todestag auf den Friedhof? Die Form des Erinnerns ist ein Ausdruck des persönlichen Geschmacks – und dem, was einem selbst hilft. Braucht man das Bild oder ist das haptische Gefühl hilfreicher?

Eine Frau nimmt ihren Ehering ab.

Eine Trennung ist immer schmerzhaft

Gleiches gilt für schmerzhafte Ereignisse im Leben. Lasse ich das Hochzeitsbild mit dem Ex-Mann stehen, lege ich es weg oder schaue ich am Trennungstag in das gemeinsame Fotoalbum? Was passiert mit gemeinsam genutztem Geschirr? Behalte ich ein Teamfoto der Arbeitsstelle, die ich verloren habe? Oder nur den Kaffeebecher mit dem Logo darauf?

Der einfachste Weg ist natürlich, immer alles wegzuwerfen und die unschönen Gedanken zu vergessen, innerlich zu vergraben. Doch besteht dann die Gefahr, dass all das irgendwann mit geballter Macht auf dich zurückkommt – im Ernstfall dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Was also tun? Denn der "Stachel im Fleisch" ist für den Alltag auch nicht immer die richtige Lösung.

Die Zeit entscheidet

Manchmal ist es auch die Zeit, die über Bedürfnisse entscheidet: Es kann gesund sein, das Geburtstagsgeschenk eines Verflossenen erst einmal wegzuschließen und nach ein paar Jahren wieder hervorzuholen, um auszuloten, ob und wie es sich in den Alltag integrieren lässt. Andersherum kann die Tasse des alten Arbeitgebers so lange im Schrank stehen bleiben und benutzt werden, bis man das Gefühl hat, seinen Frieden damit gemacht zu haben. Wenn es dann mal wieder ans Aussortieren geht, kann sie den Weg alles Irdischen antreten. Vielleicht hilft auch ein Ritual: des Erinnerns wie des Verarbeitens. Gegenstände regelmäßig betrachten und vielleicht auch sich davon lösen. Hier kann ein Tipp von Aufräum-Profis helfen: den entsprechenden Gegenstand drei Monate weglegen und dann schauen, ob man ihn vermisst – oder, in diesem Fall, ob einen das Thema nun beschäftigt.

Was ist nun der richtige Weg? Das hängt von der Situation und der eigenen Persönlichkeit ab: Wie sehr wird meine eigene Persönlichkeit, meine Identität von diesem Menschen, diesem Ereignis geprägt? Wie sehr hat sich mein Leben seitdem verändert? Wie sehr schmerzt es noch? All das ist wichtig zu berücksichtigen, wenn man die Entscheidung über ein "Weiter so" oder ein "Anders weiter" zu fällen hat. Es ist keine einfache – deshalb sollte man es sich nicht zu leicht machen.

Von Christoph Paul Hartmann

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