Schachfigur
Standpunkt

Was wäre, wenn die Kirche ihre schützenden Räume verlässt?

Die Stürme um die Kirche verlocken dazu, sich zu verkriechen, beobachtet Pater Nikodemus Schnabel. Er erinnert an das jüdische Fest "Sukkot", bei dem die Gläubigen bewusst ihre Komfortzone verlassen. Das legt er auch der Kirche ans Herz.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 20.09.2021

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Der Herbst beginnt! Das Wetter wird ungemütlicher, man zieht sich wieder lieber in seine eignen vier Wände zurück, statt sich im Freien aufzuhalten. Die Arbeit des Sommers ist getan, man kann dankbar auf seine Ernte zurückblicken: Während es um einen herum draußen immer ungemütlicher wird, macht man es sich nun zu Hause schön gemütlich.

Nicht nur in der Natur herbstet es, sondern auch in der Kirche: Der Wind bläst gerade der Kirche in Deutschland immer heftiger und kälter ins Gesicht, so dass die Verlockung, es sich in seiner eigenen wohligen kirchlichen Blase schön gemütlich zu machen, immer mehr zunimmt. Voller Dankbarkeit feiert man verschiedenste Jubiläen und versichert sich auf diese Weise auch all des Guten und Konstruktiven, was man in der Vergangenheit geleistet hat.

Unsere jüdischen Geschwister trotzen dieser beschriebenen herbstlichen Stimmung. Heute ist "Erev Sukkot", der Vorabend des eine Woche dauernden Laubhüttenfestes. Während das Wetter auch hier in Jerusalem zunehmend ungemütlicher wird und das Genießen der eingefahrenen Ernte lockt, gehen sie jetzt hinaus. Eine Woche lang leben sie eben nicht in ihren gemütlichen vier Wänden, sondern essen, leben und schlafen in ihren Laubhütten, deren Dach zwar mehr Schatten als Sonneneinstrahlung spenden muss, durch das man aber auch die Sterne sehen muss: Gemütlichkeit sieht definitiv anders aus!

Dieses sehr fröhliche Fest, ist ein Fest, von dem wir uns Christinnen und Christen viel abschauen können. Unsere jüdischen Geschwister machen sich nun in Herbst ganz bewusst verletzlich gegenüber den äußeren Umständen. Es geht um einen Akt des Gottvertrauens: Gott ist der Schöpfer und König, der sein Volk aus dem Sklavenhaus in die Freiheit geführt hat. Nach den vergangenen jüdischen Festtagen der Umkehr, Buße und Versöhnung, wird nun Gott gefeiert als der, von dem alles im Letzten abhängt und gegen den alle menschlich geschaffene Sicherheit verblasst.

Welch ein Zeichen wäre es, wenn die Kirche in Deutschland in diesem Herbst ebenfalls ihre schützenden Räume verlassen und sich um Gottes willen wirklich verletzlich und ansprechbar machen würde, um den Verletzlichen und Verletzten in echter Hörbereitschaft außerhalb ihrer eigenen Mauern zu begegnen? Die Einladung von Fremden in die Laubhütte gehört nämlich auch zum Laubhüttenfest!     

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Der Jerusalemer Benediktinermönch Nikodemus Schnabel OSB ist Lateinischer Patriarchalvikar für alle Migranten und Asylsuchenden und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.