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Standpunkt

Langsamer urteilen bei Disputen in der Kirche

Bei kirchlichen Diskussionen und Entscheidungen wird viel zu schnell geurteilt, meint Stefan Kiechle. Er plädiert für mehr Zuhören, Abwarten und Abwägen, denn in komplexen Situationen gebe es selten ein glattes Ja oder Nein.

Von Stefan Kiechle SJ |  Bonn - 23.09.2021

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Erzbischof Heße bietet den Rücktritt an. Der Papst lässt sich Zeit mit seiner Antwort. Man kritisiert ihn, will sofortige Antwort. Als endlich der Entscheid des Papstes kommt, laufen wenige Stunden später die harten Kommentare über die Medien – wie im Internet: like oder dislike…

Bischof Bätzing lobt den Papst, denn nun habe das Hamburger Erzbistum wieder Führung – als Vorsitzender muss er wohl sofort irgendwie reagieren. "Wir sind Kirche", das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), der "Eckige Tisch" – ist dieser eigentlich nur die eine immer selbe Person? – schimpfen, genau wie erwartet, heftig gegen die Entscheidung. Gleich am nächsten Tag pestet die FAZ auf Seite eins, genau wie erwartet, gegen den Papst, ergänzt auf Seite drei durch einen langen negativen Bericht über den Hamburger Erzbischof.

Warum wird so schnell geurteilt? Gibt es einen Konsens, welche Maßstäbe für Rücktritte von Bischöfen gelten? Schnelle Urteile kommen oft sehr moralisch daher, von oben herab – wem steht das zu? Welcher der Kommentatoren kann sich sicher sein, dass er besser als Heße gehandelt hätte, zu jener Zeit in jenem Amt? Was bringt es den von Missbrauch Betroffenen, wenn ein einzelner Amtsträger zurücktritt – die Probleme liegen doch auch im System? Wer kennt die Überlegungen des Papstes wirklich, seine andere und weltkirchliche Perspektive?

Langsamer urteilen. Länger zuhören und nachfragen. Wenn ich den anderen nicht verstehe, zunächst seine Meinung zu retten versuchen, nicht sie verurteilen (Ignatius von Loyola). In komplexen Situationen gibt es selten ein glattes Ja oder Nein – alles ist ambivalent, hat Vor- und Nachteile. Diese abwägen – und zugleich respektieren, wenn ein anderer beim Wägen die Gewichte anders verteilt. Dem Mediendruck nach schnellen Urteilen widerstehen.

Auch mir wäre, nach einigem Abwägen, die Annahme des Rücktrittsangebots Heßes lieber gewesen. Aber: Bei jeglichem Entscheid wäre ein Unbehagen geblieben – tiefe Krisen sind nicht schnell lösbar. Bei den vielen Disputen in der Kirche: Kann man nicht langsamer urteilen und gründlicher wägen?

Von Stefan Kiechle SJ

Der Autor

Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.