Schachfigur
Standpunkt

Warum ist die Größe jedes Menschen in der Kirche nicht sichtbar?

Götzen finden sich auch in der Kirche selbst, kommentiert Ricarda Menne: immer dann, wenn die Größe Gottes und der Menschen nicht sichtbar wird. Doch genau das müsse besonders betont werden – selbst, wenn es kirchenrechtlich schwierig wird.

Von Ricarda Menne |  Bonn - 29.09.2021

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Michael heißt übersetzt: "Wer ist wie Gott?" – "Nichts und niemand", sollte die Antwort lauten. Die Bibel nennt das, was Menschen an die Stelle Gottes setzen, "Götze" – und die finden sich auch in der Kirche, selbst wenn sie auf den ersten Blick wie Heiligenfiguren aussehen:

Die Forderung nach Evangelisierung, wenn sie formuliert wird, um überfällige Reformen auszubremsen. Die gebetsmühlenartig vorgetragene Sorge um die Einheit der Weltkirche, jüngst hochstilisiert zur Schreckensvision einer sich von Rom abspaltenden deutschen Nationalkirche.

Die verbale Spiritualisierung von Verbrechen und Missständen: Warum schwurbelt der polnische Primas herum, die Kirche habe "in den Schwächsten und Verletzlichsten, die wir schützen sollten, Christus verraten", anstatt ohne frommes Lametta zu sagen: "Wir haben Verbrechen an Kindern und Jugendlichen begangen, ermöglicht, vertuscht, nicht wahrhaben wollen, und dafür schäme ich mich"? Warum fällt einem Bischof auf die Tatsache, dass mittlerweile auch die Engagierten mit den Füßen abstimmen, nichts Besseres ein als der Hinweis, in der Kirche gehöre es auch mal dazu, "Leid auszuhalten"? Ein Schlag ins Gesicht all derer, denen in der und durch die Kirche schweres Leid zugefügt wurde und wird, oder die die tatsächlich um ihres Glaubens willen benachteiligt, verfolgt, ermordet werden.

Ich kann die Frage "Wer ist wie Gott?" nicht ohne eine andere biblische Frage denken: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit" (Psalm 8).

Wie groß wird hier vom Menschen und seinem Schöpfer gedacht! Und wie viel oder wie wenig von dieser Größe wird in der Kirche sichtbar? Das kann sich nicht auf ein paar wohlfeile und letztlich harmlose Worte in Predigten und Hirtenbriefen beschränken! Es muss alltagstauglich sein – auch und gerade dann, wenn es kirchenrechtlich unbequem wird: Wenn sich die katholische Religionslehrerin nach der Ehescheidung neu verliebt. Wenn Ben und Malte, Kathrin und Marie um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg bitten. Wenn es Christen, die in Familie und Beruf ihren Mann, ihre Frau stehen, nicht mehr reicht, nur beratend Kirche gestalten zu dürfen.

Wer ist wie Gott? Was ist der Mensch? Und wo verstellen Götzen made in and by church den Blick auf Gott und die Menschen?

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.