Bischof Otto Spülbeck
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50 Jahre nach Ende der Meißner Diözesansynode

Das visionäre Kirchenverständnis von Bischof Otto Spülbeck

Bischof Otto Spülbeck war geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil. Bereits 1969 wollte er dessen Ergebnisse in seiner Diözese Meißen umsetzen. Der Plan: eine besondere Synode, für die er sogar eine Dispens des Papstes brauchte.

Von Christian März |  Dresden - 16.10.2021

"Die große Zeit des Bischofs war die Zeit des Konzils. Als Papst Johannes XXIII. zur Erneuerung der Kirche aufrief, folgte er (Bischof Spülbeck, C.M.) diesem Ruf nicht nur in einem äußeren Gehorsam, diese Erneuerung war ihm Jahrzehnte schon ein Anliegen. […] Er ist auf dem Konzil kein 'ganz Großer' gewesen. Aber er war einer der vielen Bischöfe, die im letzten das Konzil getragen haben." Mit diesen Worten blickte Günther Hanisch, langjähriger Wegbegleiter von Otto Spülbeck, 1970 im Requiem für den verstorbenen Bischof von Meißen auf dessen Wirken zurück.

Bischof Otto Spülbeck setzte sich Zeit seines Lebens für die Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils und später für deren Umsetzung in "seinem" Bistum Meißen ein. 1904 in Aachen geboren, war er seit seiner Jugend fasziniert von den Anliegen der Jugendbewegung und der Liturgischen Bewegung. In den 1920er Jahren kam Spülbeck darüber mit Romano Guardini in Kontakt. Ein neues Verständnis von Liturgie, ein neues Priesterbild, geprägt von der konkreten Hinwendung zu den Menschen und das Erleben einer organischen Einheit von Religion und Leben waren Impulse, die Spülbeck aufnahm und die ihn Zeit seines Lebens prägten.

Naturwissenschaftler, Priester und Bischof

Bezeichnenderweise studierte Spülbeck zuerst Naturwissenschaften und erhielt hier den entscheidenden Anstoß für das Studium der Theologie, denn die Frage nach dem Woher und dem innersten Sinn der materiellen Welt beschäftigte ihn zutiefst. Eine befriedigende – ihn auch persönlich betreffende Antwort darauf – sollte er in der Theologie finden. Während seiner Studienzeit in Innsbruck entschied sich der Rheinländer Spülbeck ganz bewusst für den priesterlichen Dienst in der sächsisch-thüringischen Diaspora, den er im Leipziger Oratorium verwirklichen wollte. Nach seiner Priesterweihe 1930 wirkte er als Kaplan in Chemnitz und Leipzig und später als Pfarrer und Propst ebenfalls in der Messestadt.

Zum Leben in der Gemeinschaft des Oratoriums in Leipzig sollte es nie kommen. Als Otto Spülbeck 1955 zuerst Apostolischer Administrator und später 1958 Bischof von Meißen wurde, war er in Deutschland und sogar darüber hinaus bekannt als Referent und Autor zu Fragen von Glauben und Naturwissenschaft. Eine italienische Tageszeitung nannte ihn während des Zweiten Vatikanischen Konzils den "Atombischof von Bautzen, der als einziger Bischof der Welt Fachmann für atomare Probleme ist".

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Bischof Otto Spülbeck nahm am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Eine italienische Tageszeitung nannte ihn während des Konzils den "Atombischof von Bautzen".

Spülbecks große Offenheit für die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" (Kirche in der Welt von heute) ist grundgelegt in seinem naturwissenschaftlichen Interesse. Das Konzil selbst wurde zum entscheidenden Kulminationspunkt seines Lebens, denn er konnte aktiv daran mitwirken, wie Anliegen, die er seit seiner Jugend vertrat, kirchenamtlich bestätigt wurden. Der wesentliche Impuls war für ihn die Öffnung der Kirche hin zur Welt, wie er es eindrücklich in seinem Konzilstagebuch beschreibt, als er das Verlassen der Konzilsaula durch die Bischöfe am Ende der letzten Sitzung des Konzils schildert: "Wir empfanden es sehr deutlich, dass wir St. Peter verlassen haben, die Enge des Kirchenschiffs und hinaustreten in die freie Öffentlichkeit; alles ein symbolischer Akt, der uns sagt: Die Kirche will den Kontakt mit der Welt." Dieser, durch das Konzil zum Ausdruck manifestierte Paradigmenwechsel, musste für Bischof Spülbeck konkrete Konsequenzen im Bistum Meißen haben.

Schon während des Konzils wurde die Idee einer Bistumssynode "neuen Stils", der Meißner Diözesansynode (1969-1971) geboren. Ausdruck dieses "neuen Stils" war die gleichberechtigte Mitwirkung der "Laien" an der Synode, die ein Drittel aller Synodalen stellten. Bischof Spülbeck hatte eigens dafür beim Vatikan um Erlaubnis gebeten, dem Papst Paul VI. mit einem Dispens zustimmte. Das war für Spülbeck nicht nur die Voraussetzung der Ermöglichung des Weltdienstes der Kirche, sondern wesentlicher Bestandteil seines Kirchenbildes, wie er es in einer der zahlreichen "Konzilspredigten" im Bistum zum Ausdruck brachte: "Die pilgernde Kirche ist die Kirche der Laien. Sie ist keine Kirche von Priestern und Pfarrern, sondern eine Kirche des Volkes, der Laien vor allem. Zu Eurem Dienst sind wir berufen." Ein wesentlicher Moment der Berufung der Bischöfe und Priester ist demnach die Befähigung der Getauften zu einem mündigen Christsein und ihrem Dienst in Kirche und Gesellschaft.

Nachhaltige Wirkung für alle Beteiligten

Auch wenn eine spezifische Rezeption der Meißner Diözesansynode durch ihren Übergang in die Pastoralsynode der katholischen Kirche in der DDR (1973-1975) weitestgehend ausblieb, hatte das Erleben des synodalen Prozesses für die Beteiligten eine nachhaltige Wirkung. Dieter Grande, Sekretär der Synode, schätzte rückblickend ein, dass hier erstmals der Anstoß eines Reflexionsprozesses "zu Grundfragen der Pastoral im Bistum" erfolgte. Die Synodenarbeit selbst kann als »Schule demokratischer Arbeitsweisen« verstanden werden und als ein wichtiger Lernprozess und eine wesentliche Kirchenerfahrung für die Beteiligten.

Damit war ein wesentliches Ziel Spülbecks mit der Synode erreicht: die Schaffung einer konziliaren Atmosphäre im Bistum. Dass dies unter den besonderen Bedingungen der Diaspora in der DDR möglich war, dürfte Spülbecks Leidenschaft für die Kirche in der Diaspora, wie er sie in seinem Testament beschreibt, befruchtet haben: "Ich habe die Diaspora geliebt, ihre Einsamkeit und ihre Gemeinsamkeit. Mein ganzes Priesterleben habe ich hier zugebracht und habe das Staunen bis heute nicht verlernt über die reiche Frucht, die Gott aus steinigem Boden erwecken kann."

Von Christian März

Hinweis zum Artikel

Dieser Text erschien zuerst im vom Bistum Limburg herausgegbenen Bildungs- und Kulturmagazin "Eulenfisch". Die aktuelle Sonderausgabe des Magazins entstand in Kooperation mit der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, die dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Über 40 Seiten sind exklusiv durch ein Redaktionsteam der Akademie für die Sonderausgabe mit dem Titel "Spiel und Performance" erarbeitet worden. Dazu gehört auch dieser Artikel. Mehr Informationen dazu finden Sie hier oder auf der Homepage des Magazins "Eulenfisch".