Schachfigur
Standpunkt

Die Marginalisierung der Getauften führt zum Zusammenbruch der Kirche

Papst Franziskus hat die Kirche mit einer Pyramide verglichen. Beim Synodalen Weg wird daran gearbeitet, die kirchlichen Strukturen zu verschieben. Michael Böhnke plädiert stattdessen dafür, die Basis des Gebildes, die Getauften, zu stärken.

Von Michael Böhnke |  Bonn - 01.10.2021

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Eine Pyramide ist ein geometrischer Körper, der geeignet ist, Hierarchien abzubilden. Papst Franziskus hat in seiner Rede zum fünfzigjährigen Jubiläum der Bischofssynode dieses Bild benutzt: An der Spitze der kirchlichen Hierarchie steht der Papst, darunter die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe. Eine Etage tiefer die Priester, darunter die Diakone, dann die Ordensleute. Auf der Grundfläche stehen, sitzen und knien die Laien.

Heute tagt die Vollversammlung des Synodalen Wegs. In den Textvorlagen wird an der Pyramide gebastelt. Es geht um Möglichkeiten des Aufstiegs in der pyramidalen Hierarchie. Manche derer, die oben stehen, wollen das verhindern. Sie sehen keinen Reformbedarf. Wer den Weg nach oben verbaut, muss mittelfristig damit rechnen, dass die Basis sich andere Wege sucht. Viele scheinen nicht weiter bereit, die Pyramide zu tragen. Der Weg nach außen steht ihnen offen. Gleichzeitig arbeiten zahlreiche Bischöfe daran, die Basis durch die Neuordnung der pastoralen Strukturen weiter zu schwächen. Sie sollten wissen: Man kann die Grundfläche einer Pyramide nicht zertrümmern, ohne den Einsturz des ganzen Bauwerks zu riskieren; man kann die Basis der Kirche nicht schwächen, ohne die Hierarchie zu gefährden. Suchen wir Rat beim Papst! Sein Vorschlag lautet, die Pyramide umzudrehen und auf die Spitze zu stellen. Soll er es versuchen! Die Pyramide wird nicht an Stabilität gewinnen, selbst wenn man fest davon überzeugt ist, dass die Kirche auf dem Felsen Petri gebaut wurde.

Wer – sei es durch mangelnden Reformwillen, sei es durch die Flucht nach oben oder durch strukturelle Reformen – weiter zur Marginalisierung der Mehrheit der Getauften und der Pastoral vor Ort beiträgt, wer durch die Umkehrung der gesamten Pyramide die Basis ins Schwanken bringt, provoziert den Zusammenbruch der Kirche. Die Grundfläche einer Pyramide kann man nur sanieren, wenn man sich von oben her einen Zugang zu ihrem Fußpunkt verschafft. Wenn die hierarchische Kirche nicht den Weg zur Basis, das heißt zu den Menschen, findet, wird sie dysfunktional und schafft sich selbst ab. Ohne eine Stärkung der Basis, das heißt ohne demokratische Strukturen, durch welche die Kirche den Minimalanforderungen an gesellschaftliche Gebilde in der Moderne zu genügen hätte, mutiert die Kirche zur Sekte.

Zu gern hätte ich gesehen, dass den Synodalen eine Pyramide auf ihren Platz gestellt worden wäre. Sie hätten dann in einer geistlichen Geschicklichkeitsübung ausprobieren können, was es heißt, die Flucht nach oben anzutreten oder die Pyramide auf den Kopf zu stellen.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.