Pastoraltheologe Heinz: Es braucht Zeichen der Buße von Bischöfen
Nach der Entscheidung des Papstes zu Woelki, Heße und Co.

Pastoraltheologe Heinz: Es braucht Zeichen der Buße von Bischöfen

Sollten Bischöfe, die Fehler bei der Missbrauchsaufarbeitung begangen haben, zurücktreten? Zumindest nicht vorschnell, sagt der Theologe Hanspeter Heinz. Gleichwohl brauche es glaubwürdige und tatkräftige Bußleistungen.

Von Sascha Pöschel (KNA) |  Augsburg - 04.10.2021

Der Pastoraltheologe Hanspeter Heinz meldet sich immer wieder zu kircheninternen Debatten zu Wort. So löste er 1996 mit einem Artikel über "Homosexualität und geistliche Berufe" eine heftige Diskussion aus. Der 81-Jährige gilt zudem als profilierte Stimme im christlich-jüdischen Dialog. Lange Jahre lehrte der gebürtige Bonner an der Universität Augsburg. Seine Tätigkeit als Seelsorger in Bachern bei Augsburg übt er weiterhin aus. Im Interview wendet er sich gegen vorschnelle Rücktrittsforderungen an Bischöfe, die Fehler bei der Missbrauchsaufarbeitung begangen haben.

Frage: Herr Professor Heinz, der Papst belässt den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, den Hamburger Erzbischof Stefan Heße sowie die beiden Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff im Amt – wie bewerten Sie das?

Heinz: Dazu muss man zunächst einmal auf die einzelnen Fälle schauen.

Frage: Woelki werden "große Fehler" bei der Aufarbeitung von Missbrauch vorgeworfen, die sich vor allem auf die Kommunikation beziehen. Bei Heße und den beiden Weihbischöfen stellt der Papst Verfehlungen im Umgang mit Missbrauchstätern fest. Wäre nicht ein Rücktritt die einzig angemessene Lösung gewesen?

Heinz: Die Frage zielt in die falsche Richtung.

Frage: Warum?

Heinz: Zunächst und vor allem muss es um die Opfer sexuellen Missbrauchs gehen, deren Leid durch das schuldhafte Fehlverhalten von Amtsträgern aufs Neue verschlimmert worden ist, nicht um das Ansehen einzelner Bischöfe. Durch ihren Rücktritt könnten diese sich stillschweigend aus der Affäre ziehen, anstatt sich ihrer persönlichen Verantwortung zu stellen und den Missbrauchsopfern Rede und Antwort zu stehen. Das Eingeständnis von Organisationsmängeln und Verfahrensfehlern ist kein Schuldbekenntnis, sondern ein Sich-Verstecken hinter Floskeln.

Frage: Was meinen Sie damit, dass die Bischöfe sich ihrer Verantwortung stellen sollen?

Heinz: Generell gilt aus meiner Sicht: Solange nicht alles auf den Tisch kommt, alle kircheninternen Akten von der Staatsanwaltschaft eingesehen werden können, bleibt die Aufarbeitung von Missbrauch in der Kirche unglaubwürdig. Trotzdem sollten wir uns davor hüten, vorschnell über einzelne Bischöfe zu urteilen.

Eine Auszeit in einem Kloster ist Urlaub Erster Klasse.

Zitat: Hanspeter Heinz

Frage: Können Sie das näher ausführen?

Heinz: Für ein Urteil, dass ein Bischof nicht länger im Amt bleiben darf, genügt in der öffentlichen Meinung das Faktum, dass er den sexuellen Missbrauch von Priestern oder Mitarbeitern einmal oder mehrfach vertuscht hat oder an der Vertuschung beteiligt war. Für dieses Vergehen gibt es kein Pardon, es kann nicht ins Verhältnis gesetzt werden zu seiner Lebensleistung, nicht durch eine glaubwürdige und tatkräftige Bußleistung relativiert werden. Mit solch apodiktischen, einseitigen Urteilen komme ich nicht zurecht.

Frage: Was wären denn glaubwürdige und tatkräftige Bußleistungen?

Heinz: Ganz sicher nicht eine Auszeit in einem Kloster. Das ist Urlaub Erster Klasse. Stattdessen sollte sich ein deutliches Bekenntnis zu seinem persönlichen Versagen mit sichtbaren Zeichen verbinden. Etwa mit einer längeren Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung oder in Form einer substanziellen, persönlichen Spende für Betroffene von Missbrauch oder für andere soziale Zwecke. Im Gegenzug muss es aber auch möglich sein, dass der betreffende Bischof eine Chance auf Rehabilitation erhält.

Frage: Besteht dann aber nicht die Gefahr, dass sich Verantwortliche aus ihrer Verantwortung freikaufen?

Heinz: Schmerzhaften Diskussionen sollten wir deswegen nicht aus dem Weg gehen. Aber wir brauchen als Gesellschaft mehr Augenmaß. Das gilt im Übrigen nicht nur für den kirchlichen Bereich.

Frage: Sondern?

Heinz: Sondern auch für den politischen Bereich. Zwei Beispiele aus den USA: Die Gunst vieler Katholiken, auch der meisten Bischöfe, gegenüber ihrer politischen Führung entscheidet sich derzeit einzig an der rigorosen oder liberalen Gesetzgebung zur Abtreibung. Deshalb gilt Trump den Katholiken als guter, Biden als schlechter Präsident. Für die Zustimmung zu den Demokraten ist das Ja zur Impfpflicht ausschlaggebend, für die Zustimmung zu den Republikanern das Nein. In beiden Fällen wird ein einziger Faktor verabsolutiert. Solche Schwarz-Weiß-Urteile sind Gift für die Debattenkultur.

Hanspeter Heinz
Bild: © KNA

Der Theologe Hanspeter Heinz.

Frage: Zurück nach Deutschland – der Kölner Kardinal Woelki tritt Mitte Oktober eine Auszeit an und hat bereits bekräftigt, danach wieder die Leitung des Erzbistums zu übernehmen. Was halten Sie davon?

Heinz: Nichts. Eine mehrmonatige Auszeit, deren Ausgang schon jetzt feststeht, halte ich für Hinhaltetaktik. Meiner Ansicht nach hätte der Papst Woelki aus dem Amt nehmen müssen.

Frage: Weil...?

Heinz: ...der Kardinal so viel Vertrauen in seinem Erzbistum und weit darüber hinaus verspielt hat, dass er die so entstandenen Gräben nicht mehr schließen kann. In jeder weltlichen Firma würde man sich von einer solchen Führungskraft unverzüglich trennen.

Frage: Die Kirche ist aber keine weltliche Firma.

Heinz: Gleichwohl wirkt sie in der Welt. Und sollte, wenn sie in der Gesellschaft sprachfähig bleiben will, mit Personal agieren, dem die Menschen größtmögliches Vertrauen schenken.

Frage: Sie sind Pfarrer in dem kleinen Ort Bachern bei Augsburg. Interessiert die Gemeindemitglieder dort überhaupt, was sich in Köln und Hamburg abspielt?

Heinz: Auch in meiner kleinen Landpfarrei schlagen die Wellen der Empörung hoch. Selbst treue Gemeindemitglieder sagten mir, dass sie den Kirchenaustritt überlegen.

Von Sascha Pöschel (KNA)