Schachfigur
Standpunkt

Vielleicht ist die Zeit für Flecken auf Bischofsgewändern

Heße, Woelki, Puff, Schwaderlapp, Marx: All diese Bischöfe dürfen im Amt bleiben. Die Entscheidungen des Papstes lassen Werner Kleine erstaunen. Man predigt wieder, als sei nichts geschehen, schreibt er. Dennoch kann er den Papst verstehen.

Von Werner Kleine |  Bonn - 06.10.2021

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Die Entscheidung des Papstes, den Hamburger Erzbischof Heße sowie die Kölner Weihbischöfe Schwaderlapp und Puff im Amt zu belassen folgt einer inneren Logik, die sich schon mit der Ablehnung des Rücktrittsangebotes des Münchener Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx und viel früher schon in Chile abzeichnete. Auch dort wurden die Rücktrittsangebote aller Bischöfe bis auf wenige Ausnahmen abgelehnt. Von daher konnte man wenig über die aktuelle Entscheidung überrascht sein, noch weniger über die Entscheidung bezüglich des Kölner Erzbischofs Reiner Maria Kardinal Woelki, dem kein schuldhaftes Handeln nachzuweisen ist. Was irritiert, ist allerdings die Begründung des Papstes, der eine habe nicht absichtlich vertuscht, die anderen hätten nur "vereinzelte Mängel (...), nicht aber die Intention, Missbrauch zu vertuschen oder Betroffene zu ignorieren" erkennen lassen. Da kann man nur staunen: Alles nur Nachlässigkeiten im Umgang mit Betroffenen? Ist so viel Naivität auf der Leitungsebene eines Bistums möglich? Kann man den päpstlich Entlasteten, denen das Offenkundige im Umgang mit Betroffenen nicht nah genug ging, die so behauptete Umkehr abnehmen?

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer. Zu schnell wurden die Insignien episkopaler Macht wie ehedem getragen. Man predigt wieder wie früher und verbreitet sich im Internet, als sei nichts geschehen. Wo ist ein Umdenken erkennbar? Reichen Aus- und Bußzeiten im Ausland?

Tatsächlich kann ich die Entscheidung des Papstes aber nachvollziehen. Es kann – wohlgemerkt kann! – die größere Buße sein, sich mit den Herausforderungen, die man selbst verursacht hat, zu konfrontieren. Leicht hingegen wäre es gewesen, die episkopalen Pönitenten in die Wüste zu schicken, die für Bischöfe aber meist nahe an römischen Oasen liegt.

Der Papst hat anders entschieden. Hat er sich womöglich an einem biblischen Mythos des wahren Sündenfalls orientiert? Der besteht nämlich nicht in der Erlangung der Erkenntnis von Gut und Böse. In Genesis 3 taucht das Wort "Sünde" noch nicht einmal auf. Das erste Mal findet es sich in einer Warnung Gottes an den neidischen Kain: "Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, darfst du aufblicken; wenn du nicht gut handelst, lauert an der Tür die Sünde. Sie hat Verlangen nach dir, doch du sollst über sie herrschen." (Gen 4,7) Doch Kain kann die Sünde nicht beherrschen und tötet den Bruder. Das ist der Sündenfall. Gott lässt ihn am und schickt ihn zurück ins Leben, nicht ohne ihn mit einem Mal zu zeichnen. Das Zeichen schützt und mahnt ihn. Er muss sich dem Blut des Bruders, das vom Erdboden zum Himmel schreit, stellen.

Vielleicht wäre es an der Zeit, die prächtigen Gewändern mancher Bischöfe mit Flecken zu kennzeichnen, die sie mahnen, dass sie Verantwortung für die Betroffenen tragen. Vielleicht sollten die Brustkreuze verhüllt werden – wenigstens so lange, bis verstanden wird, dass das Kreuz kein Machtzeichen ist, sondern dort einer brutal geschändet und zu Tode gebracht wurde. Dieser Jesus ist ein Betroffener. Solange das nicht wirklich verstanden wird, bleibt das "Kein Weiter so" wohl nur ein Bekenntnis von Lippen, auf denen längst der Herpes blüht.

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.