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Wie der Kölner Dom: Auch die Kirche ist reparaturbedürftig

Die Arbeiten am Kölner Dom reizen Joachim Frank zu einem Vergleich zum Erzbistum: Beide sind reparaturbedürftig. Beim Synodalen Weg werde bereits an einem Gerüst zur Erneuerung der Kirche geschraubt – Kardinal Woelki wolle davon aber nichts wissen.

Von Joachim Frank |  Bonn - 11.10.2021

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Es gibt Städte, in die aus aller Welt die Touristen geströmt kommen, um ein verhülltes Denkmal zu sehen. Und es gibt Köln. Für einen Menschenauflauf genügt es hier schon, dass ein Gerüst abgebaut wird. Gut, nicht irgendein Gerüst, sondern die Hängekonstruktion am Nordturm des Doms. Zehn Jahre lang befand sich das tonnenschwere Gestänge für Sanierungsarbeiten dort, ehe ein Riesenkran es am vorigen Donnerstag aus gut 100 Metern herunterhievte.

Nachdem in den Vorjahren noch zwei andere Gerüste an den Türmen befestigt gewesen waren, kann die weltberühmte Westfassade von Deutschlands meistbesuchtem Bauwerk jetzt zum ersten Mal seit 1996 wieder ohne störendes Beiwerk bestaunt und fotografiert werden. Das ist schon einen Besuch wert. Zumal es freie Sicht nur für kurze Zeit geben wird. Schon ab 2023 – direkt nach der 700-Jahr-Feier der Chorweihe 2022 – plant Dombaumeister Peter Füssenich weitere Reparaturarbeiten am Nordturm.

Spötter im Erzbistum fassen die Zwischenphase in das Wort: "Das Gerüst nimmt eine Auszeit" – in Anspielung auf die knapp fünf Monate, für die Papst Franziskus den Kölner Kardinal Rainer Woelki von seinen Leitungsaufgaben entbunden hat. Das gesamte Begriffsfeld rund um Arbeiten am Dom reizt zur Übertragung auf die Kölner Kirche und ihren Reparaturbedarf. Jedenfalls scheinen die Verantwortlichen für das steinerne Monument deutlich klüger als diejenigen, denen der Bau aus lebendigen Steinen anvertraut ist.

So ist der Dom ohne Gerüst für den jeweiligen Dombaumeister kein Ideal, sondern eine Horrorvision, und von alters her weiß ein Kölner Sprichwort: Würde der Dom je vollendet, ginge die Welt unter. Dagegen ist die Vorstellung der "Ecclesia semper reformanda", der stets reformbedürftigen Kirche, für die Kölner Bistumsleitung eher das, was das Gerüst an der Domfassade für die Foto-Touristen ist: eine Wahrnehmungsstörung.  

Im Grunde sei das Erzbistum Köln auf gutem Weg, hat Kardinal Rainer Woelki erklärt, als er zuletzt seinen Rückzug auf Zeit begründete. Von der Rückkehr am Aschermittwoch 2022 zeigt er sich bis auf Weiteres überzeugt – im Gegensatz zu vielen Gläubigen in seinem Bistum. 

Den Zurückbleibenden hat der Kardinal zum Abschied eine "Auszeit für alle" nahegelegt – im Sinne eines Innehaltens, der Erneuerung und Versöhnung. "Um neue Perspektiven für die gemeinsame Zukunft zu entwickeln." Eine Reihe von Ideen, Vorschlägen und Forderungen liegen längst auf dem Tisch. Auf dem Synodalen Weg schrauben Bischöfe und Laien intensiv an einem Gerüst zur Erneuerung der Kirche. Aber davon will der Kölner Kardinal nichts wissen. Dann doch lieber den Dom gerüstfrei fotografieren. Solange es noch geht.  

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband alljährlich den Katholischen Medienpreis.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.