Betende Hände vor einem Laptop
Plattform "digitalpastoral.de" will Seelsorgeangebote sammeln

Seelsorger: Im Internet endlich liturgischen Schatz der Kirche heben

Kirchlich Engagierte und Hauptamtliche sollen sich auf einer neuen Plattform über religiöse Online-Angebote informieren und austauschen können. Im katholisch.de-Interview erklärt Internetseelsorger und Mitinitiator Björn Siller, was es mit dem Portal auf sich hat und wie nachhaltig die Sammlung ist.

Von Christoph Brüwer |  Freiburg - 27.10.2021

Platz für Ideen und die Reflektion digitaler religiöser Angebote möchte die Internetseite "digitalpastoral.de" liefern. Verantwortlich dafür sind die Referentinnen und Referenten der Internetseelsorge und der Pastoral im Internet der (Erz-)Bistümer Aachen, Freiburg, Köln, Mainz, Münster, Osnabrück und Würzburg – unterstützt werden sie von der Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) in Erfurt. Im Interview erklärt Internetseelsorger und Mitinitiator Björn Siller, warum durch die Corona-Pandemie auch kritischere Akteure in der Kirche die Notwendigkeit digitaler Angebote erkannt haben.

Frage: Herr Siller, vor Kurzem sind Sie mit der Seite "digitalpastoral.de" an den Start gegangen. Auf der Seite schreiben Sie, Sie wollen "ein Marktplatz für die Praxis von Kirche im digitalen Raum" sein. Was heißt das konkret?

Siller: Der Wunsch, den wir da definiert haben, ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Als Referentinnen und Referenten für Seelsorge im digitalen Raum ist uns aufgefallen, dass es gefühlt 1.000 Websites gibt, auf denen man an die unterschiedlichsten Materialien und Informationen kommt. Unser Wunsch ist es, dass man diese Materialien schneller findet. Dafür haben wir das Bild des Marktplatzes verwendet, also ein Ort, an dem sich die verschiedenen Marktstände – die Websites – zusammenfinden und gebündelt ihre Waren – Informationen und Materialien – anbieten können. Wir wollen aber nicht nur Dinge nebeneinanderstellen, sondern auch Leute in Verbindung bringen. Deshalb bleiben wir nicht bei unser Internetseite "digitalpastoral.de" stehen, sondern sind auch auf unterschiedlichen Social-Media-Kanälen unterwegs und wollen daraus ein Vernetzungs-Format entstehen lassen. So soll die Plattform zu einem lebendigen Marktplatz werden, wie man ihn sich vorstellt.

Frage: Sie haben bereits die gefühlten 1.000 Seiten angesprochen, die es zu diesem Thema gibt. Warum brauchte es jetzt die 1.001.?

Siller: Es gibt schon verschiedene Formate, die spezialisiert sind und projekt- oder themenbezogen kooperieren. Mit Unterstützung der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) sind wir jetzt mit sieben (Erz-)Bistümern gestartet und wir wollen am liebsten alle zusammenbekommen. Eben alle auf einen Markplatz. Das wäre an dieser Stelle das Novum. Aber wir sind uns bewusst: Es gibt nicht die eine Seite, die am Ende alles wirklich abbildet und sammelt.

Seelsorger Björn Siller

Björn Siller ist im Erzbistum Freiburg Referent für die Pastoral im Internet und für die Kur- und Klinikseelsorge und Palliativ Care.

Frage: Warum wurde das Projekt gerade von Ihnen als Internetseelsorgerinnen und -seelsorger angestoßen? Es gäbe ja durchaus auch andere Bereiche, die sich ein solches Projekt hätten auf die Fahne schreiben können, etwa die Verkündigung oder Kommunikationsstellen.

Siller: Absolut! Warum wir das machen, hat damit zu tun, dass wir in unseren 27 Bistümern jeweils ganz unterschiedliche Stellenzuschnitte haben. Ein Großteil von denen, die Internetseelsorge betreiben, haben in ihrem Stellenportfolio auch jeweils den Bereich "Pastoral im Internet", also auch die größere Frage, wie Seelsorge im digitalen Raum präsent sein kann. Andere Kolleginnen und Kollegen haben diesen Stellenbereich, wenn sie beispielsweise für die Glaubensverkündigung oder Katechese sind. Aber wir haben gesagt: Fangen wir einfach an! Die Hoffnung ist, dass die jetzt auch dazu stoßen.

Frage: Vor der Corona-Pandemie waren digitale Angebote in der Kirche eher Mangelware. Viel hat sich durch die Pandemie entwickelt. Warum ist das so?

Siller: Ich würde Ihre Einschätzung dahingehend teilen, dass es in der Phase von Corona einen ganz intensiven Schub digitaler kirchlicher Angebote gab. Aber Digitalisierung ist in der Kirche schon lange ein Thema. Meine Stelle als Referent für Pastoral im Internet gibt es im Erzbistum Freiburg seit 23 Jahren. Seit 24 Jahren gibt es die Plattform "internetseelsorge.de". Vor der Corona-Pandemie war die Situation eher so, dass wir, nennen wir es vereinzelte Leuchtturmprojekte hatten. Diese Vorarbeit war jetzt in Corona absolut wichtig. Neu dazugekommen ist die Bereitschaft auch von eher kritischeren Akteuren in der Kirche, etwas zu tun.

Frage: Wen meinen Sie mit kritischen Akteuren?

Siller: Zum Beispiel jene, die vor Corona der Meinung waren, Seelsorgegespräche gehen nur im Besprechungszimmer. Oder jene, die die Digitalisierung eher als etwas Zweifelhaftes angesehen haben. Sie alle stellten immer wieder vorher die Frage: "Sollen wir?" oder "Ob Kirche digital aktiv sein soll?" Jetzt ist die Frage ganz klar. Es geht nicht mehr um ein "ob", sondern nur noch um ein "Wie", darum, dass kirchliche Akteure hier gestalterisch einsteigen, damit wir als Kirche den "Zeichen der Zeit" entsprechend als digitale Kirche unterwegs sein können. Wir wollen doch von der reinen Reaktion wegkommen, hin zum Agieren.

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Frage: In der Corona-Pandemie haben viele Gemeinden eher laienhaft versucht, digitale Angebote zu entwickeln und beispielsweise eigene Gottesdienste zu streamen, statt zu bündeln, was an gutem Material da ist. Inwiefern kann Ihre Plattform dagegen Abhilfe schaffen?

Siller: Wir können keine Abhilfe schaffen. Wir sind nicht DIE Checker. Wir wollen mit unserer Plattform vielmehr sichtbar machen, was es alles gibt und damit vernetzen. Ich stimme Ihnen zu, dass wir jetzt, nach diesen ersten Hochphasen der Pandemie und dem schnellen aktiven Handeln nochmal schauen sollten, wie wir gearbeitet haben. Die katholische und die evangelische Kirche haben dazu bereits Studien erstellt oder sind gerade dabei. Es ist wichtig, aus diesem Erfahrungsschatz heraus zu schauen: Was macht die Nachbargemeinde, was wir am Anfang nicht gemacht haben und wie bündeln oder vernetzen wir uns und entwickeln dann gemeinsam Formate, die besser laufen und nicht nur lokal oder regional begrenzt sind. Das ist das Ziel unseres Projekts: Kompetenzen, Wissen, Können und Erfahrungen vernetzen und damit Ideen weiterzuentwickeln.  Deshalb haben wir auf unserer Plattform nur die Kategorien "Entdeckt" und "Nachgedacht".

Frage: Wie unterscheiden sich diese Kategorien?

Siller: Unter "Entdeckt" werden wir ganz viele Angebote sammeln aus ganz unterschiedlichen Aufgabenbereichen wie beispielsweise Katechese, Spiritualität, Tools und Technik oder Hashtags in sozialen Netzwerken. Unter "Nachgedacht" dagegen ist Platz für eine substanziellere Reflektion darüber, was entdeckt wurde, die dann Impulse geben kann.

Frage: Gottesdienste können mittlerweile wieder in Präsenz gefeiert werden, auch andere kirchliche Angebote finden wieder vor Ort statt, die vorher vielleicht digital übertragen oder umgesetzt wurden. Wie nachhaltig und zukunftsfest ist da eine Sammlung digitaler Angebote?

Siller: Es wird sicher kein Zurück vor die Corona-Pandemie geben, sondern vielmehr ein sowohl als auch, gerade auch im Bereich der Liturgie. Wir sind ja alle versiert in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils. In "Lumen gentium" heißt es, dass die Eucharistie "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" ist. Das ist sie, auch persönlich gesagt, absolut. Aber bei einem Fluss gibt es zwischen Quelle und Delta den ganzen Flussverlauf. Der digitale Raum könnte zu diesem Flussverlauf werden. Wir haben die Chance, dass wir uns dort nicht mehr so sehr auf die Eucharistie fokussieren, sondern endlich mal den Schatz der Kirche an liturgischen Ritualen und Gebeten in aller Bandbreite wieder heben. Dann hätten wir eine Mischform an Angeboten, die uns guttun würde und die Menschen Räume eröffnen würde, die wir so vielleicht noch nicht geöffnet haben.

Von Christoph Brüwer