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Corona-Impfungen: Die Kirchen sind seltsam ruhig

Bei den steigenden Infektionszahlen in Deutschland vermisst Tilmann Kleinjung eine klarere Stellungnahme der Kirchen. Er warnt, dass diese mit ihrer defensiven Corona-Politik zum Rückzugsort für Impf-Skeptiker und -Verweigerer werden könnte.

Von Tilmann Kleinjung |  Bonn - 26.10.2021

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Papst Franziskus ist ein Freund deutlicher Worte. Die Impfung gegen Corona ist für ihn ein "Akt der Liebe". Für Impfverweigerer in den eigenen Reihen hat er wenig Verständnis. "Wir versuchen, ihnen zu helfen." Und im eigenen Haus sorgt Franziskus für klare Vorschriften: Im Vatikan gilt seit dem 1. Oktober die 3G-Regel.

In Deutschland steigen in diesem Herbst die Infektionszahlen, Experten fürchten eine Pandemie der Ungeimpften. Doch in den Kirchen bleibt es seltsam ruhig. Kein dringender Appell an die Nächstenliebe, keine eindringliche Aufforderung, sich impfen zu lassen. Keine Denkschrift, kein Hirtenwort. Die Spitzenvertreter beider großer Kirchen werben natürlich für das Impfen. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Georg Bätzing appelliert: Sich impfen zu lassen, bedeute "mehr Schutz und Freiheit" für jeden einzelnen und "alle in unserer Gesellschaft". Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm postete auf Facebook ein Foto seiner Impfung verbunden mit der Hoffnung auf eine "möglichst hohe Impfquote".

Ansonsten sind die Kirchenleitungen zurückhaltend. 3G- oder 2G-Regeln für den Gottesdienst können Gemeinden erlassen. Kirchenamtliche Vorgaben gibt es nicht. Die zuständigen Landesregierungen halten solche Regeln mit dem Recht auf freie Religionsausübung für nicht vereinbar. Und in den Ordinariaten und Landeskirchenämtern scheut man klare Ansagen. Da will man mit Auflagen die Unentschlossenen und Skeptiker nicht verprellen. Die Sorge, mit der 3G-Regel Mitglieder vor den Kopf zu stoßen oder gar zu verlieren, ist offenkundig größer als die Sorge, rund um Weihnachten hygienebedingt wieder nur ein abgespecktes Angebot machen zu können. Die Kirchen müssen aufpassen, dass sie mit dieser defensiven Corona-Politik nicht zum Rückzugsort für Impf-Skeptiker und -Verweigerer werden. Im vergangenen Jahr, zu Beginn der Pandemie, haben die Bischöfe Gottesdienstabsagen und Abstandsgebote leidenschaftlich als Ausdruck gelebter Nächstenliebe verteidigt. Wie wäre es, wenn sie jetzt mit derselben Verve für die Impfung werben? Mit Aktionstagen in den Gemeinden, mit Kampagnen in den Medien? Das wäre ein deutliches, unmissverständliches Zeichen.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Leiter der Redaktion Religion und Orientierung im Bayerischen Rundfunk (BR).

Hinweis

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