Schachfigur
Standpunkt

Inklusion für alle Seelen

Mitten im Zeitalter der Beschleunigung an die Auferstandenen von gestern zu denken, fällt schwer, kommentiert Eckhard Nordhofen zu Allerseelen. Doch er warnt davor, die Inklusion der Toten zu vernachlässigen.

Von Eckhard Nordhofen |  Bonn - 02.11.2021

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Karl Marx hatte zur "Expropriation der Expropriateure" aufgerufen, eine Forderung der Gerechtigkeit. Der Kapitalist sollte expropriiert, das heißt enteignet werden, weil er zuvor den Arbeiter enteignet hatte, indem er ihm seinen Anteil am erwirtschafteten Mehrwert vorenthalten hatte. Helmut Peukert hat in Zeiten der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus auf einen blinden Fleck des Marxismus hingewiesen. Mit Marxens Vokabel sprach er von der "Expropriation der Toten". Stalin & Co. waren bereit, für das "Reich der Freiheit", den paradiesischen Endzustand ihrer Fiktion von Geschichte, ganze Generationen mit Millionen Toten zu opfern.

Zum Kern der Doktrin gehörte aber ein Materialismus, der sich von der religiösen Idee eines Lebens über den Tod hinaus aggressiv verabschiedet hatte. Im Gedankenexperiment müssten also diejenigen, die in den Genuss des materialistisch-diesseitigen Reichs der Freiheit gekommen wären, sich als Profiteure einer extrem ungerechten Ausbeutung begreifen. Sie hätten die Toten enteignet. Wo war da die diachrone Gerechtigkeit geblieben?

Wer sich nicht für unsterblich hält und seinen Tod nicht als Absturz ins Nichts begreift, lässt sich als Christ in die barmherzige Hand Gottes fallen. Über das Wie und Wo, die Geheimnisse von Raum, Zeit und Ewigkeit, weiß er deutlich weniger als Dante, der beim Aufstieg auf den Läuterungsberg noch allerhand Bekannte getroffen hatte. Wie "arme Seelen" werden wir einmal alle sein. Die hoffnungsvolle Aussicht, am guten Ende in die Gemeinschaft der Heiligen aufgenommen zu werden, teilen wir mit ihnen.

Mitten im Zeitalter der Beschleunigung an die Auferstandenen von gestern zu denken, fällt uns Durchschnittsintellektuellen schwer, denn der Kopf soll nur nach vorne schauen. Er wird gerade "zukunftsfähig" gemacht und hört den Dauerton der Aufbruchsrhetorik wie einen Tinnitus. Doch ohne die Inklusion der Toten werden auch wir in 100 Jahren draußen geblieben sein, bei den Vergessenen. Und da draußen ist es entweder zu heiß oder zu kalt.

Von Eckhard Nordhofen

Der Autor

Eckhard Nordhofen ist ein deutscher Theologe und Philosoph. Von 2001 bis 2010 war er Leiter des Dezernates Bildung und Kultur im Bistum Limburg. Bis 2014 lehrte er außerdem theologische Ästhetik und Bildtheorie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.